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Ich, die Italienerin?

Unsere BARFUSS-Autorin ist das erste Mal in den Dolomiten unterwegs und kommt dabei an Identitätsfragen nicht drum rum.

karersee_sonne.jpg

Bild: Julia Tapfer
Facebook macht es einen als arme Studentin nicht ganz einfach, zu vergessen, dass es diesen Sommer nur Urlaub auf dem heimatlichen Balkonien gibt. Katrin postet Fotos von der Côte d‘Azur, Magdalena genießt mit ihrem, im Beitrag natürlich markiertem, Freund ein Fischmenü am Gardasee und die Instagram-Bilder von Lukas schwärmen mir von Bo Phut Beach vor, von dessen Existenz ich bis dato gar nichts wusste (geschweige denn von dessen geographischer Lage). Facebook in der Sommerzeit ist eine Qual für alle mit Fernweh. Und doch ergötze ich  mich – wenn auch mit Missgunst – jeden Tag an den Urlaubsfreuden meiner Freunde oder anderer Leute, die ich zumindest einmal in meinem Leben gesehen habe. So ganz fad war mein Sommer dann aber doch nicht, übte ich mich ja sogar als richtige Dolomiten-Touristin.
 
„Giannaaa! Vieeeeni qui!! Giannaaa!“ Ein quengelndes Kind will partout nicht weitergehen, zwei junge Familienväter in Think-Pink-Hosen versuchen ihre kreischend lachenden Frauen vor dem tiefgrünen Bergsee zu fotografieren und die vermeintliche Gianna scheint immer noch keine Lust auf das ganze Spektakel zu haben. Froh, dass ich und meine Familie so ganz anders sind als diese italienischen Touristen, wandere ich mit meinen Bergschuhen und Stöcken an den aufgedrehten Menschen vorbei. Ich muss zugeben, der Karersee mit Latemar und Rosengarten im Hintergrund ist wirklich imposant. Ein obligatorisches Foto muss doch sein – als Vinschgerin ist man ja schließlich nicht jeden Tag in den Dolomiten unterwegs. Noch schnell zwei Fotos mit Schwester, dann gleich noch eins mit Mama und Tata. Bloß nicht zu lange auffallen, man möchte ja nicht mit den lärmenden Touristen gleichgesetzt werden. Knips, knips und zurück zum Parkplatz, raus aus den Bergschuhen. Die waren vielleicht doch etwas übertrieben für die 20 Minuten Seerundwanderung …
 
Die Autofahrt quer durch die Dolomiten liefert einiges zum Bestaunen. Endlich verstehe ich meine eigenen Sätze, mit denen ich Touristen in PR-Texten von den wunderschönen Bergen vorschwärme. Es gibt sie also wirklich, die „schroffen Felshänge“, „sattgrünen Wiesen vor bezaubernder Bergkulisse“ und „heimeligen Plätze unter den erhabenen Dolomiten, die zum entspannten Verweilen einladen“. Langsam beginne ich sie zu verstehen, die Dolomiten-Touristen. Schön ist’s ja wirklich hier. Aber warum denn gleich immer in Massen? Und warum so laut? Nein, da bin ich mir sicher, da ist meine Familie doch ganz anders als diese italienischen Gäste, die unser kleines Ländchen überfallen. 
 
Bild: Julia Tapfer
Wir fahren durch Pedrazzo. Plötzlich schießt es meinen Vater in den Kopf, dass wir hier unbedingt zuakearn müssen. Fusilloni, Linguine, Penne, Spaghetti – ein riesiges Regal voller weltweit hochgelobter Pasta. Wir kaufen es fast leer. Sowas brauchen wir im Vinschgau. Unbedingt.
So kehren wir schließlich wieder heim, vollbepackt mit italienischer Nudelware höchster Qualität. Sind wir wirklich so ganz anders als unsere italienischen Gäste? Nie vergesse ich in Innsbruck darauf hinzuweisen, dass Wurstnudel mit Ketchup kein Pastagericht sind oder das für zwei Euro verkaufte, wässrig braune Gesöff mit einem richtigen Espresso so gar nichts gemein hat. Irgendwie also doch eine italiana? Zumindest jenseits der Brennergrenze – und da dann auch eine stolze.
 
Ach und übrigens, wer gerne an meinem tollen Ausflug teilhaben möchte: Natürlich gibt’s ein Foto auf Facebook. Mit Markierung. Was sein muss, muss sein.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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