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Von Beijing nach Wien

Heimat auf Chinesisch

Gescheiterte Vergangenheitsbewältigung in China? Mit ihrem Film wollen Weina Zhao und Judith Benedikt Jahrzehnte des Schweigens durchbrechen.

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Straßenszene in einem Viertel im Nordosten Shanghais.

Bild: Galen Crout/unsplash

“Weiyena – ein Heimatfilm” vereint 100 Jahre chinesische Geschichte in drei Generationen. Es ist die Geschichte von Großeltern, die Opfer des maoistischen Systems wurden, von Eltern, die als Kinder von Kulturrevolutionären nur in Fabriken arbeiten durften und deshalb nach Österreich auswanderten und schließlich die Geschichte ihrer Tochter, die sie nach „Wien“ benannten: Weina Zhao. Weina, Regisseurin und Drehbuchautorin kehrt gemeinsam mit der Filmemacherin Judith Benedikt nach China zurück und beginnt, in ihrem neuen Film „Weiyena – ein Heimatfilm“ Fragen an ihre Vergangenheit zu stellen. Fragen, die erst jetzt als Regisseurin und nicht schon als Enkeltochter Gehör fanden. Auf der Suche nach Antworten streift der Film die großen Themen des 21. Jahrhundert: Migration, Identität und Vergangenheitsbewältigung.

Wie entstand die Idee zum Film?
Judith: Der erste Film, bei dem ich Regie führte, war: China Reverse. Dieser Film handelt von der chinesischen Migration nach Österreich und der (Re-) Migration wieder zurück nach China. Dafür suchte ich eine Übersetzerin und Regieassistenz, wodurch ich Weina kennenlernte.
Weina: Ich erzählte Judith von meiner Familiengeschichte und dem Wunsch, die Geschichten meines Großvaters mütterlicherseits festzuhalten. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass mir von der Familie meines Vaters nicht viel bekannt war. Die kulturell so unterschiedlichen Lebensumstände meiner – mütterlicherseits urbanen und väterlicherseits ländlichen –  Familie genauer zu erforschen und die  Schicksale dieser beiden  Familien in einer Zeitspanne von 100 Jahren zu erzählen, fanden wir beide von Beginn an super spannend. 

Über Vergangenes redet man nicht so gerne: Weina Zhao und Judith Benedikt mit Weinas Großmutter Nainai.

Bild: Weina Zhao/Judith Benedikt
Wovon handelt der Film?
Weina: Der Film handelt von grausamen,  aber sehr unterschiedlichen Erinnerungen meiner Großeltern zur Kulturrevolution Chinas. Verschwiegene Geschichten und unterschiedliche Narrative zum Kommunismus werden im Film durch die Erzählungen meiner Familien aufgebrochen. Erlebnisse meines Urgroßvaters, der selber als Filmemacher und Anhänger des Kommunismus mit dem großen Mao Zedong bekannt war, sowie die Gefangenschaft meiner Großeltern während der Kulturrevolution werden im Film thematisiert.

 

  • Im Jahr 1949 gewann die kommunistische Partei Chinas den Bürgerkrieg. Der Parteiführer Mao Zedong rief 1966 die sogenannte „Kulturrevolution“ aus, durch welche das Land sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich zurückgeworfen wurde. Das zentrale Machtinstrument der Politik von Mao war Terror. Traditionelle Lebensweisen und kulturelle Werte wurden vereinheitlicht und Gegner*innen sowie große Teile der Zivilbevölkerung misshandelt, inhaftiert und getötet. Die Zahlen der Todesopfer des Maoismus variieren stark und reichen von mehreren Hunderttausend bis zu 20 Millionen. Trotz des kapitalistisch angetriebenen Wirtschaftswachstums des Landes bleibt die kommunistische Partei in China bis heute an der Spitze.

Auch heute lassen sich autoritäre Tendenzen feststellen – nicht nur in China. Macht der Film Anspielungen auf die Gegenwart?
Judith: Definitiv. Es ist leider so, dass sich Geschichte in allen Kulturen und Ländern wiederholt, wenn auch unter anderen Aspekten und Auswirkungen. Im Film erkennen wir viele Überschneidungspunkte, wie die Kontrolle über die Medien, wodurch sich bereits erahnen lässt, in welche Richtung sich die Politik noch entwickeln könnte.
Weina: Eine Parallele zu heute ist auch die zunehmende politische Zensur. Es war erschreckend den Verlauf, den diese in Europa genommen hat, zu beobachten. Polen, Ungarn, Brexit, Trump: Alle populistischen Strömungen, der Rechtsruck und die Machthabenden und deren  willkürliche Machtfantasien bezüglich der Medienkontrolle entwickeln sich global. Die Einschränkung der persönlichen Meinungsfreiheit und die damit verbundene Medienzensur wurden in China immer strenger.

Ist es trotz Zensur möglich, den Film in China zu zeigen?
Weina: Wir hatten ursprünglich nicht vor, den Film aktiv in China zu verbreiten. Grund dafür war der Schutz aller uns nahestehenden Personen und die Gefährdung unserer zukünftigen Reisen in China. Mittlerweile hatten wir aber bereits ein Screening im geschützten Rahmen des österreichischen Kulturforums im Goethe Institut in Shanghai. Es freut uns, dass in Zukunft auch die österreichischen Kulturforen in Peking und Chengdu den Film in einem diplomatischen und nicht kommerziellen Rahmen zeigen wollen.

“In China spricht man innerhalb der Familie eher nicht über die eigene Vergangenheit.”

Wie verliefen die Dreharbeiten in China?
Judith: Die Dreharbeiten haben sich im Laufe der Jahre sehr stark verändert. Am Anfang haben wir ohne Drehgenehmigung gearbeitet, weil das aus der Erfahrung von China Reverse gut funktionierte. Für die letzten beiden Etappen des Films hatten wir offizielle Drehgenehmigungen, in der Hoffnung, dass wir leichter drehen können. Allerdings hat sich die Lage in China so zugespitzt, dass wir beim letzten Drehblock, trotz Drehgenehmigung des öffentlichen Raums in Peking und Shanghai, von der Polizei unterbrochen wurden. Am vorletzten Drehtag kam es zu einer Eskalation, als uns plötzlich eine Polizeistaffel umzingelte und unsere Pässe abnahmen. So konnten wir beim letzten Drehblock im öffentlichen Raum nicht mehr  das drehen, was wir wirklich wollten. 

Weina war ursprünglich als Regisseurin und Drehbuchautorin eingeplant. Wie kam es dazu, dass du eine Hauptrolle gespielt hast?
Weina: Der Gedanke, mich als Protagonistin einzubringen, kam erst durch die Produktionsfirma. Zuvor arbeiteten wir bereits vier Jahre alleine an dem Film, bis wir mit Langbein & Partner Produktion zusammenarbeiteten. Produzent Kurt Langbein war es wichtig, eine Protagonistin zu haben, die einen Bezug zu den europäischen Zuschauer*innen hat. Er wünschte sich jemanden, der diese gemischte westliche und asiatische Perspektive, von der aus der Film erzählt wird, repräsentiert. Daher war es der Produktionsfirma wichtig, mich im Film zu zeigen, da es sich um die Suche nach meiner Familienvergangenheit handelt.

Weina, präsentiert der Film neben dem Einzelschicksal deiner Familie auch die Geschichte Chinas?
Weina: Der Film handelt in erster Linie von einer allgemein gescheiterten Vergangenheitsbewältigung in China, mit Zugang durch meine Familie. Mich erreichen immer wieder Nachrichten von jungen Frauen mit chinesischen Wurzeln aus Deutschland, die ganz ähnliche Familiengeschichten durchlebt haben und sich im Film endlich repräsentiert fühlen. Sie schreiben mir von ihrem emotionalen Berührtsein durch den Film, weil viele verschwiegene Dinge, wie die ursprüngliche Überzeugung  vom Kommunismus und die Verbrechen des Maoismus, thematisiert werden. In China spricht man innerhalb der Familie eher nicht über die eigene Vergangenheit. Der Film greift daher ein kollektives und generationenübergreifendes Trauma auf, das bislang nicht bewältigt wurde.

“Im Chinesischen sind Familie und Heimat dasselbe Wort.“

Wollen die Chinesen und Chinesinnen ihre Vergangenheit gar nicht aufarbeiten oder wird eine Aufarbeitung gezielt von der Regierung unterdrückt?
Judith: Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Der Begriff Kulturrevolution war lange Zeit zensiert und dieses Kapitel der Geschichte kam auch nicht wirklich in den Geschichtsbüchern vor. Das hat sich allerdings vor kurzem, mit diesem Schuljahr geändert, wie wir gehört haben. Aus meiner Sicht hatte ich immer das Gefühl, dass Chinesen und Chinesinnen recht pragmatisch und zukunftsorientiert sind, insofern: Warum sich mit der Vergangenheit beschäftigen, wenn diese schon vorbei ist? Ich glaube aber, dass es enorm wichtig ist, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, damit sie sich nicht wiederholt. Manchmal fand ich es fast etwas ironisch, dass Weinas Eltern in Österreich gelandet sind, in einem Land, wo die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus auch nur sehr halbherzig betrieben wurde.

Weina, du hast dich im Film dafür entschieden, deiner Familie Fragen zur Vergangenheit zu stellen. Bist du damit auf Verständnis gestoßen?
Weina: Der Großteil meiner Familie war sehr offen gegenüber meinen Fragen. Nur schwierige Themen, wie die Inhaftierung meiner Großeltern, strengten meinen Großvater zu sehr an. Die größte Herausforderung war für mich, diese Gespräche zu initiieren, weil normalerweise ausschließlich meine Mutter Gespräche mit den Familienmitgliedern führt. Für sie war es besonders schwierig, während den Dreharbeiten still zu sein und keine Fragen zu stellen, weil auch für sie erstmals die Möglichkeit entstand, Antworten zu erhalten. Ich wusste bei Drehbeginn noch nicht, dass sie von der Kindheit ihres Vaters nichts wusste, weil es bislang einfach ein Tabu war, über diese Zeit in China zu sprechen. Ich musste mich also zunächst von meiner Mutter emanzipieren. Dabei hat der Rollenwechsel zur Regisseurin sehr geholfen, weil ich dadurch eine professionelle und distanzierte Rolle einnehmen konnte.

Der Film wird im Titel als Heimatfilm bezeichnet. Spielen Heimat und Familie in der chinesischen Kultur eine andere Rolle als bei uns?
Weina: Im Chinesischen sind Familie und Heimat dasselbe Wort. Diese enge Relation der beiden Wörter beobachte ich sowohl bei mir als auch bei meiner Familie. Wenn ich nach China reise, sage ich nie, dass ich zu meinen Eltern oder Großeltern fahre. Ich sage immer ich fahre nach Hause, in die Heimat. Für mich bedeutet Heimat und Familie in diesem Zusammenhang dasselbe. 

 

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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