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"(All)täglich gehörlos"

Gehörlose in Südtirol

Gebärdensprachdolmetscherin Julia Gamper über ihren neuen Dokumentarfilm "(All)täglich Gehörlos" und die fehlende Anerkennung der Gebärdensprache in Südtirol.

(All)täglich gehörlos Bild 41.jpg

Julia Gamper in ihrem Büro bei der Arbeit mit Klienten.  

Bild: Julia Rauch

„Auf den ersten Blick sind sie ganz normale Menschen. Erst wenn man sie ansprechen will, wird man merken, dass sie doch ein bisschen anders sind. Doch wenn man sich die Zeit nimmt für einen zweiten Blick, entscheidet man sich vielleicht doch dafür, dass sie ganz normal ihr Leben meistern.“ Dieses Zitat stammt aus dem Dokumentarfilm “(All)täglich gehörlos“. Der 20-minütige Film wird am 6. März auf Rai Südtirol um 20:25 Uhr ausgestrahlt und zeigt am Beispiel von sieben Gehörlosen deutscher, italienischer und ladinischer Muttersprache ihren Werdegang und ihren Alltag. Die Betroffenen - vier Männer und drei Frauen aus Meran und Umgebung – schildern eindrücklich, welche Erfahrungen sie im Umgang mit ihren Einschränkungen gemacht haben, betonen aber auch die Chancen und Möglichkeiten, die sich ihnen geboten haben.

Dass der Dokumentarfilm entstehen konnte, geht auf seine Initiatorin und Ideengeberin Julia Gamper zurück. Gamper ist 1991 in Meran geboren und hat nach ihrer Matura 2010 die Europäische Theaterschule in Bruneck besucht und danach Sprachwissenschaften in Innsbruck studiert. Dort ist sie auch auf die Gebärdensprache aufmerksam geworden und hat erste Kurse besucht. In Wien absolvierte Gamper die Ausbildung zur Dolmetscherin und steht kurz vor dem Abschluss, der pandemiebedingt noch nicht finalisiert werden konnte. Julia Gamper setzt sich aktiv für die Anerkennung der Gebärdensprache in Südtirol ein.

Julia Gamper beim Gebärden. 

Bild: Julia Rauch

Wie ist es zum Filmprojekt (All)täglich gehörlos gekommen?
Ich war bei einer Sportveranstaltung des Gehörlosenvereins. Es wurde Fußball gespielt, zusammen getrunken und es wurden Witze erzählt – eine lockere und heitere Atmosphäre. Da habe ich mir gedacht, wie schade es ist, dass nur ich diese Dynamik miterleben kann. Die Hörenden haben manchmal nahezu Angst vor diesem Anderen, diesem Fremden. Aber wenn ich mir die Gehörlosen so anschaue, sind sie – abgesehen von ihrer Sprache – gleich wie die Hörenden. Deshalb bin ich auf die Idee gekommen, mit dem Medium Film den Menschen die Frage, wie Gehörlose leben, etwas näherzubringen. Ich bin dann mit der Stadtgemeinde Meran in Kontakt getreten. Der Meraner Bürgermeister Paul Rösch fand mein Engagement für Gehörlose gut und wollte sich beteiligen. Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was man machen könnte. Zum Träger des Projekts wurde der Verein Vinorosso, die Sozialgenossenschaft, die uns als Band auch musikalisch im Film unterstützt hat. Der Kameramann war Christian Lintner von der Omega Produktion.

Gab es besondere Herausforderungen, die Idee in die Realität umzusetzen?
Die Idee entstand im Mai 2019, danach musste alles besprochen und organisiert werden. Bis zum September 2019 war der Film im Kasten und es begann die Nachbearbeitung. Die erwies sich schnell als eigentliche Herausforderung, da man die einzelnen Gebärden jeweils übersetzen und dann mit den richtigen Untertiteln auf Deutsch und Italienisch versehen musste.

Hast du die Teilnehmer des Films alle selbst ausgesucht?
Ja, wir haben von der 20-Jährigen bis zum über 70-Jährigen jede Altersgruppe dabei. Es gibt unter anderem eine junge Frau, einen älteren Herren, eine kleine Familie und verschiedene Sprachgruppen: Deutsche, Italiener und Ladiner. Sozusagen eine “bunte Mischung“, was mir auch sehr wichtig war, um einen guten Querschnitt durch die Gesellschaft zu bekommen. Anfangs war nicht jeder so begeistert davon, interviewt zu werden. Es ist ja auch eine sehr private Angelegenheit und dann auch noch mit Bild und Ton, aber wir haben dennoch eine großartige Truppe zusammenbekommen.

Ein Teilnehmer des Films (All)täglich Gehörlos                       

Bild: (All)täglich Gehörlos - Omega Production

Wie war die bisherige Resonanz auf den Film?
Sehr gut. Eine gehörlose Person vergoss sogar Freudentränen, weil sie so gerührt war, dass Hörende sich für ihre Welt interessieren. Allein für diesen Moment hat sich die ganze Arbeit gelohnt. Mich persönlich haben die einzelnen Geschichten im Film sehr berührt. Ein Mann erzählt dort beispielsweise, dass er im Moos im Passeier geboren ist und der einzige Gehörlose im Dorf war. Er ist dann nach Meran gezogen, um ein Sozialleben zu haben und mit anderen Gehörlosen zu kommunizieren. In Meran lebt nämlich ein Großteil der insgesamt 300 Gehörlosen in Südtirol.

Kann man sich trotz Maske zurzeit mit Gehörlosen verständigen?
Lippenlesen ist zusätzlich zur Gebärdensprache eine wichtige Unterstützung bei der Kommunikation mit Gehörlosen. Mit einfachen Zeichen oder Gesten, wie Zeigen mit den Fingern auf bestimmte Gegenstände, geht es aber. Es ist wichtig, gegenüber der gehörlosen Person offen zu sein, sich Zeit zu nehmen und sie auch ernst zu nehmen in ihren Bedürfnissen. Viele Gehörlose wünschen sich, dass für die Zeit des Gesprächs - mit gebotenem Abstand - die Maske kurz hinuntergezogen wird, um die Verständigung zu erleichtern.

Wie funktionieren Gebärdensprachen? Kann ein Gehörloser aus Italien mit einem Gehörlosen aus Österreich kommunizieren?
Oberflächlich funktioniert das schon. Es gibt circa 30 Prozent der Gebärden, die recht ähnlich aussehen oder die ganz klar sind, wie essen, trinken oder schlafen. Das sind Sachen, die man international versteht, aber tiefergehende Gespräche sind schwierig. Hier müsste man internationalere Gebärden oder Überbegriffe verwenden.

Wie ist es mit den Dialekten?
Es gibt ganz viele verschiedene Dialekte, meistens kommen die von den Gehörlosenschulen, beispielsweise von der Gehörlosenschule in Mils in der Nähe von Innsbruck mit dem Tiroler Dialekt. Früher war das Gebärden verboten, deswegen haben die Gehörlosen heimlich in der Schule miteinander gebärdet. Dadurch sind dann mit der Zeit die verschiedenen Dialekte entstanden. Deswegen reden auch die meisten Südtiroler, nachdem sie aus Österreich zurückgekommen sind in tirolerischen Gebärden.

 Es wird gar nicht gesehen, dass die Gehörlosen mit ihrer Gebärdensprache eigentlich eine sprachliche Minderheit sind, obwohl wir in Südtirol mit Minderheiten gut vertraut sind. 

Ist die Gehörlosensprache in Südtirol anerkannt?
Nein, leider nicht. Es gab zwar schon mehrere Anläufe italienweit, aber weder in Italien noch in Südtirol ist die Gebärdensprache als offizielle Sprache anerkannt. Dies hat eine Beschneidung der Rechte für Gehörlose in Südtirol zur Folge. Die Gehörlosen werden in der hörenden Welt eher als Behinderte angesehen, sie werden auf das reduziert, was sie nicht haben. Es wird gar nicht gesehen, dass die Gehörlosen mit ihrer Gebärdensprache eigentlich eine sprachliche Minderheit sind, obwohl wir in Südtirol doch mit Minderheiten gut vertraut sind. Schließlich ist die Sprache ein Teil der menschlichen Identität und besonders wir Südtiroler identifizieren uns sehr stark über unserer Sprache, da wir eine deutschsprachige Minderheit in Italien sind. Auch Gehörlose haben dieses Bedürfnis.

Ist die Nachfrage nach Dolmetschern in Südtirol groß?
Ja, der Bedarf ist groß. Allerdings ist es für viele auch eine neue Erfahrung – für Hörende und Gehörlose. Wenn nun ein Dolmetscher bei einem privaten Gespräch dabei ist und auch private Details über die jeweilige Person erfährt, ist das für viele noch ungewohnt. Aber der Bedarf ist definitiv gestiegen. Allerdings müssen Dolmetscher in Südtirol privat bezahlt werden, im Gegensatz zu Österreich, wo die Dolmetscher von den verschiedenen Ministerien bezahlt werden, zum Beispiel vom Bildungsministerium für die gehörlosen Kinder in der Schule oder vom Arbeitsministerium, wenn es etwas mit der Arbeit zu tun hat.

Das wäre wohl auch hierzulande so, wenn die Sprache anerkannt würde.
Ich glaube, dass die Landesregierung genau davor am meisten Angst hat. Deshalb versucht sie wahrscheinlich, es ein bisschen hinaus zu zögern, aus Sorge, dass dann alles in dieser Sprache übersetzt werden müsste. Aber es muss ja nicht “an jeder Ecke“ ein Dolmetscher stehen. Es würde genügen, wenn zum Beispiel die Durchsagen an der Bahn auch irgendwo auf einem Monitor sichtbar sind.

Gehörlose sind direkter und sagen ehrlicher, was sie denken. 

Wie wird eigentlich festgelegt, wie neue Begriffe gebärdet werden, beispielsweise der Begriff Corona?
Am Anfang wird das Wort einfach buchstabiert. Es gibt ein Ein-Finger-Alphabet und für jeden Buchstaben gibt es ein extra Handzeichen und dann wird das Wort einfach durchbuchstabiert. Aber wenn es ein aktuelles und brandheißes Thema ist, das man jeden Tag gebraucht, dann passiert es relativ schnell, dass eine Gebärde entsteht. Diese Gebärde entsteht in der Gehörlosen-Community und “spricht sich so herum“. Die Dolmetscher übernehmen diese Gebärde dann aus der Community und gebrauchen sie in Sendungen wie „Zeit im Bild“ in gedolmetschter Variante und so verbreitet sie sich österreichweit.

Sind Gehörlose direkter als Hörende?
Ja, in gewisser Hinsicht auf jeden Fall. Das hat mit ihrer Kultur zu tun. Wir Hörende reden eher “durch die Blume“. Wir sprechen nicht immer gleich aus, was wir denken, wir kompensieren mehr. Gehörlose sind direkter und sagen ehrlicher, was sie denken. Das kann auch zur Herausforderung beim Dolmetschen werden, weil man das nicht immer so wortwörtlich übersetzen kann. Es wird beispielsweise auch immer die Du-Form verwendet. Der Zugang ist weniger gefiltert und geradeheraus.

Was bedeutet dir der Beruf der Gebärdensprachdolmetscherin persönlich?                                                
Dieser Beruf ist für mich wie eine Brücke. Ich gebe nichts dazu. Ich nehme nichts weg. Ich verbinde nur die zwei Ufer.

 

 

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