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Reportage

Ein Lernlabor für Europa?

Eine Studienreise führt unsere Autorin nach Srebrenica, wo Serben und Bosniaken zusammenlebten, bis 1995 ein Genozid stattfand. Könnte das auch in Südtirol passieren?

Bekir

Bekir Halilović vor der Gedenkstätte des Genozids von Srebrenica

Bild: Julia Tappeiner

„Bekir, wie hast du so gut Deutsch gelernt?“, frage ich den Bosnier, der unsere Reisegruppe als Übersetzer durch Bosnien-Herzegowina begleitet. „Ich habe als Kind zu viel SpongeBob Schwammkopf auf Deutsch geschaut“, antwortet er lachend. „Andere Kinder zum Spielen hatte ich kaum. Ich konnte also nicht viel mehr machen, als fernzuschauen.“

Warum er wenige Kinder zum Spielen hatte, wird klar, wenn man auf seine Heimatstadt schaut. Bekir Halilović ist in Srebrenica aufgewachsen, Anfang der 2000er-Jahre. In dieser Stadt und im umliegenden Talkessel erreichte der Bosnienkrieg (1992-1995) seinen grausamen Höhepunkt: das Massaker von Srebrenica. Zwischen dem 11. und dem 19. Juli 1995 wurden geschätzt 8.000 muslimische Bosniaken, vorwiegend Männer und Jungen, vom serbischen General Ratko Mladić und seiner „Armee der Republika Srpska“ sowie serbo-faschistischen Paramilitärs umgebracht. Der Völkermord von Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auch Bekirs Vater fiel dem Massaker zum Opfer. Die restliche Familie floh und kam in einer Siedlung für Geflüchtete unter. 2003 kehrten sie in ihre Heimatstadt zurück. Doch Srebrenica war nicht mehr dieselbe.

Die Erinnerung an Srebrenica kann uns vieles lehren
30 Jahre nach Beginn des Bosnienkrieges führt uns die Studienreise, organisiert vom Amt für Jugendarbeit, dem Kulturverein Arci Bozen, Forum Prävention und der Arbeitsgemeinschaft der Jugenddienste (AGJB), an dunkle Orte der Erinnerung. Wir laufen durch die Gedenkstätte des Genozids nahe der Stadt Srebrenica. In den heute leeren Hallen der ehemaligen Batteriefabrik errichteten die Vereinten Nationen im Sommer 1995 eine Schutzzone. Muslimische Bosniaken hätten darin Sicherheit finden sollen. Stattdessen wurden die Männer vor geschlossenen Toren zurückgelassen, als die Armee der Republika Srpska kam, sie in die umliegenden Wälder drängte und in Massen erschoss. Wir betrachten die Graffitis der UN-Friedenstruppen, teils rassistische und sexistische Motive, die heute noch anklagend von den nackten Wänden der sogenannten „Schutzzone“ starren.

Allen Studienteilnehmenden, die meisten in der Jugendarbeit oder Konfliktprävention tätig, geistert eine Frage durch den Kopf: Wie konnte es zu solchen Gräueltaten kommen? Warum betrachten serbische Bosnier ihre muslimischen Nachbarn, Bekannten, Arbeitskollegen plötzlich als Feinde, und machen sogar einen Völkermord mit? Als Südtirolerinnen und Südtiroler, die selbst aus einem multiethnischen Land kommen, müssen wir bei dieser Frage besonders hart schlucken.

Muslimische Bosniaken, die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachten, lebten friedlich mit den serbischen und kroatischen Bosnierinnen und Bosnier Tür an Tür.

Dabei war Srebrenica vor dem Krieg eine multiethnische Gemeinde. Muslimische Bosniaken, die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachten, lebten friedlich mit den serbischen und kroatischen Bosnierinnen und Bosnier Tür an Tür. Die Stadt war als Kurort beliebt, jährlich reisten Tausende von Touristinnen und Touristen zu den bekannten Heilwasserquellen. In den meisten großen Städten Bosnien-Herzegowinas waren Mischehen die Realität.

Laut dem Jugoslawien-Experten von „Arci Bozen“ Andrea Rizza Goldstein, der unsere Reisegruppe begleitet, lebten die Volksgruppen auf dem Land jedoch getrennt voneinander. „Sie waren deshalb anfälliger für die nationalistische Propaganda, die in den 1980er-Jahren, also nach dem Tod von Staatschef Tito, verbreitet wurde.“ Die Nationalismen erstarkten so sehr, dass die Teilrepubliken Jugoslawiens ab 1991 nacheinander ihre Unabhängigkeit erklärten, was schließlich zu den Jugoslawienkriegen, darunter dem Bosnienkrieg, führte.

Andrea Rizza Goldstein von “Arci Bolzano” hat die Studienreise als Bosnien-Experte begleitet (Ausschnitt aus einem Bericht des Minderheitenmagazins MINET am 19.10.2022)

Bild: MINET

Für Rizza Goldstein ist das ehemalige Jugoslawien, insbesondere Bosnien-Herzegowina, deshalb eine Art Lernlabor für Europa: „Jugoslawien war ein Experiment: ein multiethnisches Konstrukt, in dem man versucht hat, eine übergeordnete Identität zu schaffen. Ähnlich wie heute die europäische Identität.“ Doch Nationalismen hätten gewonnen – auf blutige Art. Wir müssten deshalb versuchen, die Mechanismen dahinter zu verstehen, um Lehren daraus ziehen zu können, meint der Experte. Dies sei gerade für das heutige Europa wichtig, weil auch hier Nationalismus und Euroskeptizismus erstarken.

Wir sind nicht so eine gemischte Gesellschaft, wie wir oft glauben. Die italienische Bevölkerung weiß wenig über die Lebensrealität der Menschen im Pustertal. Und das ist das Gefährlichste, was es gibt.

Auch für Südtirol kann Bosnien ein Spiegel sein, erinnert Rizza Goldstein: „Wir sind nicht so eine gemischte Gesellschaft, wie wir oft glauben. Das ist vielleicht in Meran oder Bozen so. Aber die italienische Bevölkerung weiß zum Beispiel wenig über die Lebensrealität der Menschen im Pustertal und umgekehrt. Wir kennen uns nicht. Und diese Situation ist eine der gefährlichsten, die es gibt. Denn sie führt dazu, dass Vorurteile entstehen.“ Daher die Idee zur jährliche Studienreise nach Ex-Jugoslawien: „Die Studienreise hilft uns, den Frieden nicht für gegeben zu nehmen und stattdessen die Ohren steif zu halten, wenn bestimmte Gemeindereferenten zum Beispiel nationalistische Diskurse vertreten.“

Srebrenica: ein kollektives Trauma
30 Jahre nach Beginn des Bosnienkriegs gleicht Srebrenica einer Geisterstadt. Viele Gebäude sind über die Jahrzehnte zerfallen, sie klaffen wie offene Wunden zwischen den bewohnten Häusern. Die Schusslöcher an den Hausfassaden erinnern an den Krieg, der die einstige Kurstadt und Touristenhochburg in einen Ort des kollektiven Traumas verwandelt hat.

Kein Wunder, dass die wenigsten Familien an diesen Ort zurückgekehrt sind. Lebten früher rund 40.000 Menschen im gesamten Gemeindegebiet Srebrenica, ist die Bevölkerung heute laut offiziellen Angaben auf 14.000 geschrumpft – das sind knapp zwei Drittel weniger als 1991. Überprüfbare Daten bestehen nicht. Laut Rizza Goldstein dürften in Wahrheit nicht mehr als 5.000 bis 6.000 Menschen in Srebrenica und in der Stadt Srebrenica selbst maximal 1.500 Menschen leben. 

Die Schusslöcher an vielen Hausfassaden in Srebrenica erinnern an den Krieg, der hier vor 30 Jahren tobte

Bild: Julia Tappeiner

Zu den wenigen muslimischen Bosniaken, die  zum Ort ihres Traumas zurückgekehrt sind, gehört die Familie von Bekir. „Für mich war es ein Schock, nach Srebrenica zurückzukehren“, erinnert sich der heute 28-Jährige. „Im Flüchtlingsdorf, wo ich vorher lebte, gab es zahlreiche Kinder. Hingegen wohnten in meiner Straße in Srebrenica nur drei weitere Kinder aus meinem Jahrgang.“

Wir laufen durch den Gedenkfriedhof, indem die identifizierten Opfer des Genozids begraben liegen. Die 6.000 Grabsteine ragen als weiße Säulen mit dreieckiger Spitze aus der begrasten Erde. Aus der Ferne wirken sie wie eine Masse Dornen auf grünem Hintergrund. Weiße Dornen, die schmerzhaft ins Auge stechen, weil sie erst das ganze Ausmaß des Mordens, des Nationalismus, des Hasses zeigen.

Hier liegen nur jene Opfer, die in den Massengräbern identifiziert werden konnten, manche anhand von DNA-Verfahren. Mehr als 1000 Opfer bleiben bis heute verschollen, was den Trauerprozess der Angehörigen zusätzlich erschwert.

Bild: Julia Tappeiner

Immer wieder bleibt Bekir vor einem Grabstein stehen und murmelt ein arabisches Gebet. Für seinen Onkel. Für noch einen Onkel. Für seinen Vater. „Ich war etwas mehr als ein Jahr alt, als wir flüchteten, und ich habe daher keine Erinnerungen mehr an den Genozid. Aber trotzdem verfolgt mich der Krieg schon mein ganzes Leben lang.“ Traumata, die eine gesamte Gesellschaft durchlebt, werden häufig auch jenen Generationen mitgegeben, die die Gewalt nicht am eigenen Leibe erfahren haben. Eine Versöhnung zwischen den Volksgruppen ist deshalb auch Jahrzehnte später schwer.

Laut Rizza Goldstein funktioniere das Zusammenleben, solange die Menschen sich auf der sicheren Alltagsebene begegnen: in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Sportverein. Sobald sensible politische Themen berührt würden, falle es aber schwer, miteinander zu sprechen. Zu unterschiedlich seien die kollektiven Erinnerungen und nationalen Diskurse in den einzelnen Volksgruppen. Heute noch leugnen viele Serben den Genozid an die Bosniaken. Genauso ist die muslimische Bevölkerung in ihrem Opfer-Diskurs gefangen.

Muslimische und serbische Kinder und Jugendliche gehen heute in Srebrenica gemeinsam zur Schule. Politische sensible Themen werden vermieden.

Bild: Julia Tappeiner

Politisch bestehe laut Rizza Goldstein wenig Wille zur Annäherung, weil beide Gruppen von ihren jeweiligen nationalen Diskursen profitierten. „Die serbischen Volksvertreter wollen die serbische Entität des Landes – die Republika Srpska – und alle damit verbundenen Privilegien nicht in Frage stellen,“ erklärt er. Srebrenica gehört heute zur Republika Srpska, die von Serben dominiert wird. Die zweite Entität des Landes, die Föderation Bosnien-Herzegowina, wird vermehrt von Kroaten und Muslimen bewohnt. Aber auch die bosnische Seite profitiert von ihrer Opferrolle, bestätigt Bekir: „Unsere Politiker können nicht sagen: Unsere Wirtschaft läuft gut. Daher sagen sie: Wenn ihr uns nicht wählt, werden die Kroaten kommen und uns zerstören.“

Der Weg zur Versöhnung
Dennoch sprießen in Srebrenica aus allen Fassaderissen zarte Pflänzchen der Versöhnung; der Wille, alte Mauern zu zerschlagen, findet sich versteckt in den kleinen Gesten der Bevölkerung. So hat es etwa seit 1995 keinen einzigen Racheakt gegeben. Eine Bar im Zentrum, wo Bosnier mit Serbinnen zusammen Calcetto spielen, heißt „42“ – was für den Sinn des Lebens steht.

Ein Graffiti an einer Hausfassade in Srebrenica zeigt: Überkommt man die Mauer des Nationalismus, gelangt man in Richtung Zukunft, Frieden, Glück und Erfolg

Bild: Julia Tappeiner

Auch Bekir arbeitet gemeinsam mit serbischen Bürgerinnen daran, dass ich die Volksgruppen in Srebrenica einander annähern. Er ist Teil von „Adopt Srebrenica“,  einem Verein für interkulturellen Dialog und Erinnerung, der 2005 auch mithilfe der Alexander Langer Stiftung gegründet wurde. Das Team veranstaltet unter anderem Camps für serbische und bosnische Jugendliche, in denen die jeweiligen nationalistischen Erzählungen durchbrochen werden. Ein wichtiges Projekt des Vereins ist das Dokumentationszentrum Srebrenica: Es sammelt Fotos von Verstorbenen, um die Erinnerung an sie zu bewahren; aber auch Bilder und Gegenstände der Stadt von früher. Sie sollen den nachfolgenden Generationen eine andere Seite von Srebrenica zeigen. Denn nicht nur Krieg und Genozid gehören zur Geschichte des Ortes, sondern auch das multiethnische Zusammenleben, die erholsame Natur und ein florierender Tourismus.

Was Bekir Hoffnung gibt? „Dass ich auch serbische Freunde habe“, antwortet er. Wenn auch nur ein Serbe und ein Bosniake sich wieder als Freunde sehen könnten, sei das schon ein Erfolg. Denn das zeige ihm: Menschen können zueinander finden.

 

Andrea Rizza Goldstein begleitet und organisiert für den Kulturverein „Arci Bozen“ Erinnerungsreisen zu Orten des Massenmordes wie Auschwitz oder Srebrenica. Die Studienreise nach Ex-Jugoslawien wurde zusammen mit Gianluca Battistel vom Amt für Jugendarbeit organisiert. Die Reise findet jedes Jahr statt und richtet sich an Jugendarbeiter:innen und  Gemeindepolitiker:innen.

Die Reisegruppe wurde auch von einem Fernsehteam des Minderheitenmagazins MINET begleitet. Angelika König hat zwei kurze Berichte dazu verfasst:

Bosnien-Herzegowina – 1 Staat, 2 Entitäten, 3 Völker

Bosnien – eine Reise durch Krieg und Frieden

 

 

 

 

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