Anzeige

Dialog oder Impfpflicht?

Wolfgang Mayr
Teseo La Marca

Teseo La Marca: Zunächst mal eine Klarstellung. Impfen ist - von wenigen Spezialfällen abgesehen - besser als nicht impfen. Um das zu wissen, braucht es keine Diskussion unter Medienleuten. Sondern unter Wissenschaftler*innen. Und die haben das schon längst geklärt. Aber wie bringt man die Leute dazu, der Wissenschaft zu vertrauen? Und einen Beitrag für ein normaleres Leben für alle zu leisten?

Ich bin ein Freund des Pragmatismus, das heißt, ich fände es schön, wenn bei jeder Maßnahme Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Also: Wie bringen wir möglichst viele Leute dazu, sich impfen zu lassen, bei möglichst geringen gesellschaftlichen Kollateralschäden? 


Von diesem Zugang sind wir meilenweit entfernt. Den politischen Entscheider*innen geht es vor allem darum, in den Umfragen gut dazustehen. Das ist der einzige Vorteil von möglichen Maßnahmen, der aktuell berücksichtigt wird. Und deshalb werden nacheinander Versprechen gebrochen, je nach dem, wie der Wind gerade weht: Eine allgemeine Impfpflicht sei ausgeschlossen, hieß es zu Beginn des Jahres. Im Sommer kam sie dann über die Hintertür, durch den Green Pass. Und jetzt wird sie ganz offen diskutiert, das Nachbarland Österreich hat sie bereits beschlossen.

Wolfgang Mayr: Seit zwei Jahren plagt uns diese Pandemie. Die Folgen sind inzwischen ausreichend bekannt. Tote, Erkrankte, belastetes Gesundheitssystem – Pflegepersonal wie Ärzt*innenschaft –, leidende Kinder und Jugendliche, kränkelnde Wirtschaft. Die politisch Verantwortlichen zögern, statt endlich die Handbremse anzuziehen.


Wenn sich ein Drittel der Bevölkerung weigert, aus welchen Gründen auch immer, sich impfen zu lassen, damit einer nächsten Welle „Tür und Tor“ öffnet, kann nur mehr eine allgemeine Impfpflicht die Pandemie stoppen. Das wäre Pragmatismus. Alles andere ist verantwortungsloses Verhalten, auf Kosten der Risikogruppen, der Kinder und Jugendlichen und zu Lasten unserer Freiheit.

Teseo La Marca: Ein Drittel der Bevölkerung verweigert die Impfung? Diese Zahl ist nicht korrekt, du verwechselst die Gesamtbevölkerung mit der impfbaren Bevölkerung. Laut Sabes haben 78,8 Prozent der impfbaren Bevölkerung über 12 Jahren ihre Grundimmunisierung gegen das Coronavirus abgeschlossen. Folglich bilden die Verweigerer aktuell wenig mehr als 20 Prozent der Bevölkerung.

 

Mal ehrlich: Durften wir uns je erwarten, dass sich die gesamte impfbare Bevölkerung pieksen lässt? Das ist genauso unrealistisch, wie die Hoffnung, dass alle ausnahmslos den Klimawandel anerkennen oder keine Horoskope mehr lesen. Es gibt leider einen Teil der Bevölkerung, der mit Fakten und Argumenten kaum zu erreichen ist. Damit müssen wir leben lernen, ohne einander fertigzumachen.

 

Selbst bei den verpflichtenden Kinderimpfungen, die vor Krankheiten ganz anderen Kalibers, wie etwa Masern, schützen, bleiben fast 10 Prozent der Kinder in Italien weiterhin ungeimpft. Das ist schlimm. Es zeigt aber auch, dass eine Impfpflicht nur bedingt wirkt. Es wäre also fahrlässig, wenn wir uns einbilden würden, dass eine Impfpflicht die Pandemie beenden würde. Die sozialen Folgen dieses Irrtums würden uns aber noch lange erhalten bleiben.

Wolfgang Mayr: „Mein“ Drittel bezog sich auf die Nichtgeimpften in der EU, wie Kommissions-Präsidentin von der Leyen beklagte. Sie wirbt wie die österreichische Bundesregierung oder der neue deutsche Bundeskanzler Scholz für die allgemeine Impfpflicht. Die Politik verweist auf die Aussagen der Virolog*innen, der Infektiolog*innen, der Immunolog*innen, der Charité, des Robert Koch-Instituts oder der Leopoldina, der deutschen Akademie der Wissenschaften, dass nur die Covid-Impfung vor Covid schützt.  Deshalb stellen die Ungeimpften zwei Drittel der Patient*nnen in den Intensivstationen. Deshalb gibt es die aktuelle Welle. Ohne Durchimpfung folgen die nächsten Wellen mit weitreichenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen.


Es gilt eine allgemeine Schulpflicht, die Kindern eine Chance auf Bildung garantiert. Die Steuerpflicht, leider schauen viele Staaten da nicht so genau hin, ist die festgeschriebene Bürger*innen-Solidarität, um den Staat und Südtirol mit seinen Diensten zu finanzieren. Die Impfpflicht schützt den einzelnen Menschen und die Gesellschaft vor einer doch auch tödlichen Krankheit, vor einem Lockdown mit all seinen wirtschaftlichen und sozialen Schattenseiten.  


Die große Mehrheit der Bürger*nnen ist auch in dieser Pandemie solidarisch. Nicht aber dieses eine Drittel der Ungeimpften in der EU, die für überfüllte Internsivstationen und möglicherweise für einen neuen Lockdown sorgen. Es geht aber noch schlimmer. Die ungeimpften Covid-Erkrankten verdrängen andere – aber geimpfte - Patienten, Herz- und Krebskranke beispielsweise. Das ist eine Form von Triage, die die Ungeimpften kaltschnäuzig erzwingen. Ungeimpfte pochen auf die Freiheit. Welche Freiheit meinen sie denn? Bei einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa Ende Oktober 2021 sagten 9 von 10 Impfgegner*innen, dass es ihnen sogar egal ist, wenn ihre Mitmenschen auf Intensivstationen landen. Das ist schlichtweg die Aufkündigung der gesellschaftlichen Solidarität, ein schrecklicher Egoismus und fratzenhaft verzogene „Freiheit“.

Teseo La Marca: Wer die Impfung verweigert, ist schon jetzt vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Interessant dabei ist, dass auch diese Maßnahmen wenig Wirkung hinsichtlich der Impfbereitschaft gezeigt haben.


Am 17. Juni 2021 offenbarte eine Eurobarometer-Umfrage der Europäischen Kommission die Impfbereitschaft in der EU: Knapp 8 von 10 Befragten (79 Prozent) waren schon geimpft oder wollten dies bis spätestens zum Jahresende nachholen. Wenn das stimmt, war die Impfbereitschaft im Juni sogar höher als jetzt, wo einige Staaten die Impfpflicht beschlossen haben und vereinzelt schon die Triage nur für Ungeimpfte beschworen wird.


Gestiegen ist also nur die Radikalität auf beiden Seiten, unter Befürworter*innen und Gegner*innen. Namhafte Medien glorifizieren Spaltung und Ausgrenzung. Wir müssten einen Keil treiben zwischen uns und dem gefährlichen Teil der Gesellschaft, den Aluhutträgern, den Reichsbürgern, den Naziesoterikern. Nur blöd, dass es so einfach nicht ist. Es gibt genügend Impfverweigerer*innen (aus welchen Gründen auch immer, die bislang bestens in den demokratischen Diskurs integriert waren). Sie jetzt auszugrenzen, bedeutet, sie in die Arme der Radikalen zu treiben. Das können wir uns nicht leisten.


Pragmatischer wäre deshalb die „Nudging“-Strategie Portugals, jedem Bürger und jeder Bürgerin automatisch einen Impftermin zu reservieren. Oder die erfolgreiche Kampagne einer kalifornischen Region, wo durch gezieltes Zuhören und Eingehen auf Skeptiker*innen eine Hochburg der Impfgegner*innen in eine Vorbildregion, wo bereits 92 Prozent vollständig geimpft sind, verwandelt werden konnte (im Gegensatz zum amerikanischen Durchschnitt, der bei knapp 60 Prozent stagniert).

Wolfgang Mayr: „Uns“ läuft die Zeit davon. Schon wieder eine Welle, eine neue Mutante. Viele Erkrankte und auch viele Tote. Die halbherzigen Maßnahmen der Verantwortlichen, der megafregismo vieler Bürger*nnen, die verpassten Chancen im Sommer rächen sich. Gezieltes Zuhören und Eingehen produziert nur eine nächste und weitere Wellen und das zum Schaden der Gesellschaft.


Eigenartig, die von den ungeimpft Erkrankten erzwungene Triage auf Kosten zum Beispiel von Herz- und Krebskranken wird widerspruchlos hingenommen. Warum soll „man“ gezielt zuhören und eingehen, wenn in dieser Szene empfohlen wird, Abwasser, Anti-Wurm- oder Desinfektionsmittel gegen Corona zu verwenden?


Diese Szene kritisiert die angedachte Impfpflicht als „Kriegsverbrechen“, der brasilianische Präsident Bolsonaro schwafelte gar, dass die Impfung Aids provoziert. Die Gegner*innen der Anti-Covid-Maßnahmen und die Impfgegner*innen schwadronieren von einer Gesundheitsdiktatur. Ein Dialog und eine Zusammenarbeit mit dieser Szene ist kaum möglich, weil nicht erwünscht.


Trotzdem, für den Infektiologen Jörg Hacker – er war Präsident des Robert Koch-Instituts und Präsident der deutschen Akademie der Wissenschaften Leopoldina –  gilt der Fall, dass die Eindämmung der Pandemie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleibt. Hacker zitiert in seinem Buch „Pandemien“ Albert Camus, der 1947 in seinem Roman „Die Pest“ prognostiziert hatte: „Wir werden nicht frei sein, solange es Seuchen gibt.“

Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

„An alten Denkmustern rütteln“

Elide Mussner will vom Gadertal nach Rom. Die Gemeindereferentin spricht über ihre Entscheidung, in die Politik zu gehen und ihre Vision für einen nachhaltigen Tourismus.

Die übersehene Zelt-Botschaft

Auf der diesjährigen Kunstschau Documenta gab es nicht nur den Antisemitismus-Eklat. Der Kunstaktivist Richard Bell machte mit einer besonderen Installation auf die Rechte der Aborigines aufmerksam.
0    

Der Clochard

Günther sitzt täglich auf der Talferbrücke in Bozen und gibt Passanten seine Gedanken mit auf den Weg: Über einen, der sein Leben auf der Straße selbst gewählt hat.
0    

„Die individuelle Beratung ist das Herzstück“

Die Ausbildungs-, Studien- und Berufsberatung des Landes unterstützt Jugendliche und Erwachsene bei der Orientierung für die weitere Ausbildung oder die berufliche Laufbahn. Amtsdirektorin Alexa Seebacher über das Erstgespräch, der Fokus auf die individuelle Beratung und was sich seit Beginn der Corona-Pandemie verändert hat.
0    

Rote Rosen

Woher kommen die Rosen, die es überall zu kaufen gibt? Und unter welchen Bedingungen werden sie angebaut? In der Sonderausgabe der Straßenzeitung zebra. nähert sich eine Designstudentin auch kreativ dieser Frage.
0    
Anzeige
Anzeige