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Interview mit Ivo Muser

Der Bischof

Ivo Muser scheut sich im BARFUSS-Interview nicht vor brisanten Themen wie Missbrauchsfällen oder dem Zölibat. Ein Gespräch über Glaube und das Menschsein.

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Bild: Presseamt Diözese Bozen-Brixen

Ich treffe den Bischof in seinen Amtsräumen in Bozen. Das Gespräch entpuppt sich nicht als Audienz mit der Amtsperson des Bischofs der Diozöse Bozen-Brixen, sondern als Austausch mit einem Suchenden, der keine starren Antworten predigt, sondern zum Fragen einlädt – und uns einen Weg hin zum Glauben zugesteht, auf dem man auch mal zweifeln darf. Blinder Gehorsam von der Taufe bis ins Himmelreich: Von dieser Last sind wir entbunden. Schlimm findet der Hirte des Bistums nur den gegenwärtigen Subjektivismus und Individualismus, die er die „Hauptfeinde" des Glaubens heute nennt. Auch zu Instagram hat er eine Meinung: „Das ist fast wie ein Attentat aufs Menschsein. Reine Außenwirkung ohne richtige Kommunikation – da ist nichts zu holen."

Wenn jüngere Menschen mit der Kirche im Grunde was anfangen können, deren Lehren aber nicht konsequent befolgen: Ist das Rosinen picken aus dem christlichen Glauben?
Die Schwierigkeit im Ganzen besteht heute darin, dass unsere Gesellschaft glaubt: Wenn du dich für etwas entscheidest, dann verlierst du etwas. Das ist oft das Problem, das junge Menschen, und nicht nur die, mit der Kirche haben. Dieser Gedanke: Wenn ich mich auf die Kirche einlasse, dann wird es eng, dann bin ich nicht mehr frei. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: In dem Moment, wo ich mich für etwas entscheide, werde ich frei. Das ist dann das Meinige. Glaube heißt nicht, mir alle Optionen offen lassen, denn dann schwimme ich immer herum, sondern ich lasse mich auf etwas ein. Da habe ich den Eindruck, viele Menschen haben Angst davor. Sie leben immer mit dem Gedanken: Da könnte mir etwas entgehen, da könnte ich etwas versäumen. Ich bringe da gern ein Beispiel: Wenn ich morgens aufwache und einen freien Tag vor mir habe, kann ich etwa auf einen Berg gehen oder nach Venedig fahren. Das sind zwei gute Perspektiven für den Tag. Es geht nur dann daneben, wenn ich zuerst auf den Berg will, mir dann aber doch scheint, Venedig muss ich auch noch haben. Ich habe nur den einen Tag zur Verfügung – aber so komme ich an dem Tag weder hierhin noch dorthin. Ansonsten kann ich sagen: Ich bin auf den Berg gegangen, und das war gut. Wenn ich mich nicht für etwas entscheide, habe ich nie für mich etwas erreicht oder etwas ausgekostet. Da habe ich oft den Eindruck, man sucht und sucht, und landet nirgends.

Was ist der beste Grund zu glauben?
Glaube hat mit in eine Beziehung treten zu tun. Wenn mich jemand nach einem anderen Wort für Glaube fragen würde, würde ich sagen: Beziehung. Glaube ist das genaue Gegenteil von: Ich kreise um mich selbst, ich beschäftige mich nur mit mir selbst. Ich glaube, jeder Mensch stellt sich die großen Fragen, früher oder später, nach dem Woher, nach dem Wohin, nach dem Wozu, nach dem Sinn von allem. Und Glaube ist die Haltung, dass man diese Fragen nicht zur Seite schiebt, sondern sich damit beschäftigt und schaut, wie andere diese im Laufe der Geschichte für sich beantwortet haben.

Und dann findet man eigene Antworten, oder die, die einem die Kirche vorgibt?
Wir leben ja alle in Beziehungen, niemand könnte ganz für sich selbst leben. Und deshalb haben auch die Antworten, die ich im Glauben finde, mit anderen zu tun. Oft wird ja auch gesagt: Jeder Mensch kann glauben, was er will. Aber ich glaube, das ist eine Sicht von Leben, die in anderen Bereichen auch nicht funktioniert. Die Hauptfeinde heute, vom Glauben und von Beziehungen allgemein, sind ein übertriebener Subjektivismus und Individualismus. So kann mein Leben nie gelingen.
Mir persönlich gibt einen ganz großen Halt, dass viele Menschen vor mir geglaubt haben. Ich bin ja nicht der erste, der sich diese Fragen stellt. Sondern ich stehe auf dem Rücken von Menschen, die sich diese Fragen gestellt haben. Und genau das macht die christliche Botschaft aus: Auf mich sind Antworten gekommen, die andere vor mir gefunden haben, um die sie gerungen haben.

Konservative Verfechter der kirchlichen Lehre verlangen oft Gehorsam ab, Dogmen sollen nicht hinterfragt werden. Während andere früher um Antworten ringen durften, wie Sie sagen, sollen wir sie heute einfach als gegeben annehmen?
Ich würde sagen: Diejenigen, die vor mir gerungen und Antworten gefunden haben, machen mir Mut, heute nach Antworten zu suchen. Dass man sagt: Die haben es auch versucht und haben viel Gutes zusammengebracht, das macht mir Mut zum Glauben. Es ist auch wichtig, sich nicht ständig zu überfordern, zu glauben, ich muss immer wieder der erste und einzige sein, immer wieder von Neuem anfangen. Da kommt die Kirche ins Spiel, mit den großen Antworten, den großen Gestalten, die geglaubt haben. Und das ist ja auch das Schöne. Auch wenn unsere Zeiten ganz anders sind, ganz neue Möglichkeiten bieten – die großen Fragen des Menschen, nach Liebe, nach Gerechtigkeit, bleiben immer die gleichen.

Und wenn jemand auch gerne glauben würde, aber nach allem Ringen trotzdem nicht zu den Antworten kommt, die die Kirche herausgefunden hat – was macht man dann?
Dann hängt es, glaube ich, ganz viel ab von der eigenen Ehrlichkeit. Wenn ich das für mich noch nicht annehmen kann, gibt es zwei Möglichkeiten: Ich kann sagen, die Antwort der Kirche ist eh Quatsch. Oder ich sage, ich bin auf dem Weg dazu, ich lass mich davon herausfordern. Das wäre heute schon viel: Dass man mit dem Glauben der Kirche ringt, dass man auch Schwierigkeiten damit hat, dass es Spannungen gibt – aber dass man sagt, ich lasse mich darauf ein.

Viele Lehren der Kirche, wie etwa das Gebot der vorehelichen Enthaltsamkeit, sind gerade bei Jugendlichen nicht mehr besonders aktuell. Was sagen Sie diesen?
Ich finde es wichtig, dass man sich auch hier auseinandersetzt, dass man sich fragt: Warum sagt das die Kirche? Da geht es nicht darum, dass man es annimmt und nicht weiter darüber nachdenkt. Aber es würde sich lohnen, darüber nachzudenken, was damit gemeint ist: Dass Sexualität etwas sehr Großes ist, dass es hineingehört in eine stabile Beziehung, dass man damit nicht umgehen kann wie mit einer Ware. Es hat ja mit Gefühlen zu tun, mit Wertschätzung und Respekt. Diese ganzen Sachen wie One Night Stands und so – ich glaube, das geht am Wesen des Menschen vorbei. Das ist der Grund von solchen Überlegungen. Ich wünsche mir, dass Jugendliche das auch so sehen: Dass das, was die Kirche sagt, nicht gegen den Menschen gerichtet ist, sondern ein Nachdenken darüber, was dem Menschen wirklich guttut. Auf Dauer, nicht nur kurzfristig.

Wenn Sie sagen, hinter den Regeln steckt immer ein Gedankengang – was ist der des Zölibats?
Der Gedanke dahinter ist der: Ich verzichte freiwillig auf ein großes Gut – und ein großes Gut ist die Ehe, die Familie, Kinder und eine Frau haben. So beginnt eigentlich die Bibel: Dass der Mensch Mann und Frau ist und sie füreinander geschaffen sind. Ich verzichte also auf dieses Gut, um noch freier zu sein für die Sendung der Kirche, für die Menschen. Ich glaube, dass ein großer Wert im Zölibat darin liegen kann, andere Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass diese Welt und alle ihre Güter noch nicht das Letzte sind. Es ist eine Zeichenhandlung. Es ist nicht eine Entscheidung gegen etwas, sondern in der Lebensform kommt auch zum Ausdruck: Gott ist das Wichtigste.

Was würden Sie bösen Stimmen entgegnen, die sagen, die Gründe seien weit weltlicher, und das Zölibat wurde auf einem Konzil aus ökonomischen Gründen beschlossen?
Im Neuen Testament gibt es eine große Wertschätzung für die ehelose Lebensform. Das hat schon mit Jesus selbst zu tun – einfach diese Freiheit, für das Reich Gottes zu leben. Es stimmt, dass das im strengen Sinn mal eingeführt und eingefordert wurde, aber ist interessant, dass es zölibatäre Lebensformen im Christentum von Anfang an gegeben hat, im Mönchswesen zum Beispiel. Es ist ein wenig verkürzt, wenn man sagt, es ist bloß ein äußerliches Gesetz, das mit dem Neuen Testament nichts zu tun hat.
Oft kommt mir heute vor, der Zölibat eckt deshalb bei vielen Menschen so an, weil man sagt, grundsätzlich muss dem Menschen alles offen stehen. Aber ich kann mich ja freiwillig für etwas entscheiden. Natürlich ist der Zölibat eine Herausforderung, aber das ist die Ehe auch. Eine große sogar. Interessant ist auch, dass gerade in einer Zeit, wo man weniger Verständnis hat für ehelose Lebensformen, man oft auch kein richtiges Verständnis für die Ehe hat. Es ist ja auch eine Tragik, dass so viele Ehen auseinander gehen. Das sage ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, überhaupt nicht – aber ich glaube, die Menschen wünschen sich ja stabile Beziehungen, Treue, dass das Leben gelingt. Warum tun wir uns in der heutigen Zeit aber schwer mit endgültigen Bindungen? Man überlegt auch: Was dürfen mir Bindungen denn kosten? Oft wird gesagt: Weil mir das etwas kostet, ist es nichts wert. Ich würde sagen: Gerade
weil es mir etwas kostet, ist es etwas wert. Mir kostet mein Zölibat schon etwas, muss ich ganz ehrlich sagen. Aber eine Ehe, in die ich etwas investiere, oder eine Familie, das kostet ja auch, das ist etwas ganz Kostbares. Was muss eine Mutter aushalten, oder worauf alles verzichten, um des großen Wertes willen, dass sie Kinder und Familie hat.

Macht eine Scheidung zum Sünder?
Nein. Ich finde es nur wichtig, dass man wieder über das Scheitern nachdenkt. Würde ich etwa aufhören, Priester zu sein – ich würd mich nicht trauen zu sagen, das kann mir nie passieren – aber wenn es passieren würde, ist es wichtig, dass ich mich der Sache stelle, auch unter der Perspektive des Scheiterns. Ehebruch etwa ist kein Kavaliersdelikt. Das hat viel damit zu tun, dass ich dagegen verstoße, was ich gewollt habe und was ich einem anderen versprochen habe. Alles beginnt damit, dass ich dieses Scheitern zugebe. In dem Moment, wo ich mich dem Scheitern stelle, gehe ich schon wieder ganz anders mit den Fragen des Lebens um. Es ist ein Unterschied ob ich sage: So jetzt haben wir uns halt getrennt, ist halt nicht gegangen, gehen wir halt auseinander – oder ob man sagt: Da bin ich gescheitert, da habe ich dem Menschen auch weh getan. Das ist ein großer Unterschied. Ich muss um Vergebung bitten. Und nur wenn ich sage, ich habe da falsch gehandelt, gibt es einen Neubeginn.

Auch die Kirche als Institution scheitert – Skandale wie die Missbrauchsfälle oder um Bischof Tebartz-van Elst prägen vielfach das Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. Wie geht man damit um?
Da muss man ganz ehrlich sagen, wenn es Fehler und Sünden innerhalb der Kirche gibt – und die gibt es, weil die Kirche aus Menschen besteht – muss man diese Fehler und Sünden zugeben. Dann braucht es auch hier den Prozess der Aufarbeitung, den Prozess der Vergebung, des um Entschuldigung bitten. Das gilt aber für uns alle. Das ist wichtig: Die Kirche besteht nichts aus perfekten Menschen. Das ist etwas ganz Zentrales: Vergebung, Umkehr, Neubeginn. Ich würde sagen, in dem Bereich sind wir immer alle auf dem Weg. Aber was ganz wichtig ist, dass wir es zugeben. Man muss sich ehrlich zu dem bekennen. Nichts vertuschen. Wenn etwas an die Öffentlichkeit kommt, muss es auch öffentlich angegangen werden.

Oft entsteht der Eindruck, Dinge werden lieber unter den Tisch gekehrt. 
Haben Sie nicht den Eindruck, zum Beispiel bei etwas sehr Schwerwiegendem wie den Missbrauchsfällen, dass die Kirche da zum Teil auch Vorreiterin war bei der Aufarbeitung?
(Höfliches Schweigen.)
Ich sage oft, ich bin direkt froh, dass diesbezüglich die Bombe geplatzt ist, dass man da hinschauen muss. Aber oft habe ich auch den Eindruck – da muss man auch sehr vorsichtig sein – wenn das von einem Priester geschieht, ist es ganz etwas Schlimmes, weil es genau im Widerspruch steht zu dem, was wir verkünden. Da hilft nichts außer sich hinstellen und um Vergebung bitten. Aber es ist ja eine gesellschaftliche Wunde. Ein ganz großer Teil dieser schlimmen Dinge geschieht ja in Familien, in Nachbarschaften. Das macht keinen einzigen Fall, der von einem Priester begangen wird weniger schlimm, das ist gar keine Frage – aber das ist eine gesellschaftliche Wunde.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für die Kirche in Südtirol?
Ich würde sagen, für uns ist ganz wichtig, nahe an den Menschen zu sein. Ich denke oft darüber nach, was meine Aufgabe ist, was meine Sehnsucht als Bischof. Es ist vor allem der Wunsch, dass der Glaube als Beziehung zu Jesus Christus uns erhalten bleibt. Und zwar deswegen, weil ich glaube, dieser Glaube hilft uns leben. Er hilft uns auch, unsere Gesellschaft zu gestalten. Wenn ich glaube, gehe ich mit dem Leben anders um.  Manche haben von der Kirche den Eindruck, dass wir alle herziehen, Jugendliche „rekrutieren" wollen – das ist es nicht. Ich wünsche euch wirklich, dass ihr glauben könnt. Wenn ich den Glauben verkünde, dann deshalb, weil ich davon überzeugt bin, dass er den Menschen gut tut. Glaube ist etwas Schönes, Glaube hat etwas mit Freisein zu tun.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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