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Interview mit Tätowierer Fabian Langes

„Ein Haufen Verrückter und Krimineller“

Eine EU-Verordnung untersagt seit Jahresbeginn die Verwendung einiger Tattoofarben wegen deren Inhaltsstoffen. Was bedeutet dieses Verbot für die Tattoobranche?

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Bild: Fabian Langes

Seit Jahresbeginn ist eine neue EU-Verordnung in Kraft, die 4.000 verschiedene Substanzen, die in den verschiedenen Tattoofarben vorkommen, verbietet. Damit sollen langfristig gesundheitliche Risiken verhindert werden. Ab 2023 werden außerdem die zwei Pigmente Blau 15:3 und Grün 7 untersagt, von denen man glaubt, dass sie krebserregend seien. Was bedeutet diese Verordnung für die Tattoobranche und ihre Kunden? BARFUSS hat mit dem Meraner Tätowierer Fabian Langes gesprochen.

Wie hat sich diese Verordnung auf dich ausgewirkt? 
Seit der Verordnung darf ich als Farb-Tätowierer nur mehr Schwarz-Grau-Tattoos stechen. All meine Farben durfte ich quasi von heute auf morgen nicht mehr verwenden.

Und jetzt?
Die Situation ist derzeit sehr unübersichtlich und schwer einzuschätzen. Es gibt seit Kurzem neue Farbalternativen aus verschiedenen EU-Ländern, die uns Hoffnung machen, aber wir wissen noch nicht, ob und wann es Kontrollen gibt und ob diese Farben dann auch wirklich konform sind.

Gibt es nicht schon länger legale Alternativen?
Aus den USA wurden schnell konforme Farben angekündigt, aber wir sind hier noch etwas skeptisch. Die neuen Farben sind dann zwar legal und der neuen Verordnung angepasst, aber wir wissen noch nichts über diese Farben, außer, dass sie viel teurer sind. Werden nun irgendwelche Restbestände verarbeitet? Mit welchen Inhaltsstoffen haben wir es jetzt zu tun? Wie lassen sich die neuen Farben stechen? Sind die Farben langfristig kräftig und intensiv oder verblassen sie nach kurzer Zeit? Es gibt viele Fragen.

Siehst du diese Verordnung auch als eine Chance für bessere und verträglichere Farben?
Es ist nie falsch nach Verbesserungen zu suchen, aber das Problem ist: Die bekannten Farben haben sich über die letzten 30-40 Jahre auf dem Markt bewährt. Wir kennen diese Produkte und sind auch nach wie vor sehr penibel bei der Qualität. Sie wurden über einen langen Zeitraum hinweg immer wieder getestet und für die EU zugelassen. Die Farben, die wir unseren Kunden vor 20 Jahren gestochen haben, sehen heute noch immer so aus, wie sie aussehen sollen. All diese Garanten für Verträglichkeit und Qualität, fallen mit den neuen Farben weg und müssen erst wieder über viele Jahre hinweg getestet werden. Ich tue mich etwas schwer mit dem Gedanken, meine Kunden hier als Versuchsobjekte benutzen zu müssen, um neue Erfahrungswerte zu sammeln.

Ich tue mich etwas schwer mit dem Gedanken, meine Kunden hier als Versuchsobjekte benutzen zu müssen, um neue Erfahrungswerte zu sammeln.

Sind die Bedenken der EU aus deiner Sicht also nicht berechtigt?
Es wird oft behauptet, dass die Tattoofarben sich im Körper verteilen, obwohl bereits festgestellt wurde, dass der Großteil der Pigmentpartikel ein Leben lang in der mittleren Hautschicht bleibt.

Aber Studien über das Gesundheitsrisiko gibt es schon…
Die Studien, die bisher veröffentlicht wurden, sind meiner Meinung nicht ausreichend. Die Inhaltsstoffe an sich wurden zwar als gesundheitsgefährdend eingestuft, aber es gibt keine Langzeitstudien über gesundheitliche Folgen von Tattoofarben. Andererseits können wir jederzeit legal Tabak, Alkohol, Zucker und hunderte weitere gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe in Lebensmitteln konsumieren. Bei diesen Produkten wissen wir nachweislich, wie viele Menschen jährlich davon krank werden und sterben. Zudem ist das nochmal eine ganz andere Geschichte, denn der Konsum von Lebensmitteln ist überlebenswichtig und viele Menschen sind in Sachen Ernährung nicht ausreichend aufgeklärt. Dieses Risiko suchen sich die Menschen nicht bewusst aus.

Und bei Tattoos?
Wenn wir uns heute als volljährige, zurechnungsfähige Menschen (Fabian tätowiert ausschließlich nüchterne Kunden über 18 Jahren, Anm. d. Red.) ein Tattoo stechen lassen, müssen wir uns erstens aktiv dazu entscheiden und nehmen in Kauf, dass wir für immer Tattoofarbe auf unserem Körper haben. In der Regel machen sich meine Kunden lange Gedanken, bevor sie schließlich zu mir kommen und informieren sich auch über eventuelle Risiken.

Ein Tattoo von Fabian Langes

Bild: Fabian Langes

Ist diese Verordnung deiner Meinung nach ein Eingriff in unsere Freiheit?
Es geht ja um unseren eigenen Körper. Will die EU als nächstes bestimmen, wie lange wir in der Sonne liegen dürfen? Und dann reden wir noch gar nicht darüber, wie viel Ungewissheit so ein Verbot im ersten Moment mit sich bringt. Es geht hier um Existenzen. Tattoos gehören zu den ältesten Kunstarten der Welt und oft wird mit uns umgegangen, als wären wir ein Haufen Verrückter und Krimineller, die ein „dreckiges“ Geschäft betreiben. Aber, dass wir vielen Menschen auch damit helfen, wird gerne übersehen. Tattoos können beispielsweise auch eine therapeutische Wirkung haben.

Wie kann man sich das vorstellen?
Es gibt Menschen, die unter Dauerstress leiden und die Besuche bei mir im Studio zu den raren Momenten zählen, bei denen sie richtig abschalten können. Wieder andere schütten mir ihr Herz aus. Es gibt Kunden, die haben kürzlich ein einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben hinter sich. Für diese Menschen hat das Stechen dieses Tattoos eine viel größere Bedeutung als man es sich wahrscheinlich vorstellen kann.

Kann diese Hilfe auch ästhetische Aspekte haben?
Ganz genau. Es gibt Leute, die aufgrund eines Unfalls oder einer Operation teilweise entstellt sind. Die finden natürlich ein Tattoo schöner als Narben oder fehlende Brustwarzen beispielsweise. Hierfür gibt es auch Tätowierer, die sich auf diese Art von Tattoos spezialisiert haben.

Machst du dir Sorgen um deine Haut, du hast ja einige Tattoos?
Nein, absolut nicht. Wir tätowieren ja nicht erst seit gestern, sondern schon seit tausenden Jahren und im Vergleich dazu, was wir bis jetzt tätowiert haben und wie sich Menschen aus Urvölkern oder im Knast zu der Farbe unter ihrer Haut verholfen haben, habe ich absolut keine Bedenken. 

Gut, dass wir hier doch schon etwas weiter sind…
Auf jeden Fall (lacht). Ich war auch neulich wieder bei meinem Hautarzt und meiner bunten Haut geht es gut. Ich habe ihn auch gefragt, ob es bei anderen Tätowierten Probleme gibt und er sagte, bis jetzt sei ihm noch kein Fall bekannt. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass Tätowierte gesünder leben, weil sie einen sorgfältigeren Bezug zu ihrem Körper haben. Mir würde eher das Lasern von Tattoos Sorgen bereiten, weil hier die Farbpigmente verbrannt und dann über den Körper abgebaut werden.

Mir würde eher das Lasern von Tattoos Sorgen bereiten, weil hier die Farbpigmente verbrannt und dann über den Körper abgebaut werden.

Warum, glaubst du, wurden diese Farben jetzt von der EU verboten?
Ich weiß nur, dass der Markt für Tattoos in den letzten Jahren stark gewachsen ist und Tätowierungen im Mainstream angekommen sind. Das bringt natürlich auch mehr Regulierungen mit sich. Tattoos sind in der Geschichte immer wieder populär geworden und dann in einer kleinen Szene verschwunden. Als ich angefangen habe zu tätowieren, gab es eine winzige Szene, die eher im Hintergrund agiert hat. Man hat sich relativ schwer getan an Insiderwissen oder Produkte zu kommen. Ein Tattoo war damals noch etwas ganz Besonderes und Individuelles. Schon damals war bekannt, dass die Tattoo-Szene hygienischer, sauberer und professioneller arbeitet als von den zuständigen Ämtern vorgeschrieben.

Und heute?
Es brachte natürlich viele Vorteile mit sich, dass der Markt stark gewachsen ist, vor allem wirtschaftlich, aber es gibt auch unschöne Auswüchse: Lächerliche TV-Shows, unprofessionelle Tattoo-Conventions, wo ohne Handschuhe gearbeitet wird und Tiere frei herumlaufen. All das spricht gegen das Credo, für das wir in der Tattoo-Szene eigentlich stehen.

Wie sieht dein Blick in die berufliche Zukunft aus?
Hättest du mich vor einem Monat gefragt, dann hätte ich wahrscheinlich von Existenzängsten gesprochen: Erst kam die Pandemie, welche auch für uns Tätowierer ein herber Rückschlag war und dann diese EU-Verordnung, die innerhalb kürzester Zeit für so viel Chaos und Ungewissheit gesorgt hatte... Ich hätte mich nicht zu hoffen getraut, dass so schnell gute Farbalternativen aus Europa kommen, andererseits müssen wir jetzt erstmal abwarten, wie sich diese chaotische Situation entwickelt. Es gibt jeden Tag neue Updates von Tattoofarbenproduzenten und anderen Leuten aus der Szene. Wir sind gerade alle etwas überfordert und verunsichert. Klarheit kann hier nur die Zeit bringen.

 

 

 

 

 

 

 

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