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Interview mit Sabine Tiefenthaler

„Das System diskriminiert“

Besonders Frauen werden Opfer von geschlechterspezifischer Diskriminierung: So lautet das Fazit von Sabine Tiefenthaler, die sich in einer Forschungsarbeit mit der Widerstandsfähigkeit geflüchteter Frauen in Italien beschäftigt hat.

Resilienz bedeutet die Widerstandsfähigkeit, schwierige Lebenssituationen und Erfahrungen zu überstehen. Besonders Menschen mit Fluchterfahrung sind von traumatischen Erlebnissen betroffen, weshalb sie Unterstützung benötigen. Das bestätigt auch Sabine Tiefenthaler: Ihre Doktorarbeit an der Uni Bozen „Picturing Resilience – Eine feministisch ethnographisch-partizipative Studie über Resilienzprozesse von Frauen mit Fluchtbiografien in italienischen Notaufnahmezentren“ zeigt auf, dass besonders Frauen benachteiligt und Opfer von geschlechterspezifischer Diskriminierung werden. Parallel dazu ist auch ein Fotoprojekt entstanden, dass sie zusammen mit der Fotografin Gemma Lynch umgesetzt hat. Im Interview spricht Tiefenthaler von einem politisch inszenierten unsicheren Raum für geflüchtete Frauen in Italien.

Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Arbeit gekommen?
Meine Arbeit verfolgt einen persönlichen Hintergrund und ein allgemeines Forschungsinteresse. Viele meiner Kindheitsfreunde waren muslimische Mädchen aus Ex-Jugoslawien, die trotz der schwereren Bedingungen sehr viele Ressourcen entwickelt haben. Es ist also ein Thema, das mich schon lange begleitet. Es ist auffällig, dass Resilienz meist aus psychologischer und quantitativer Perspektive untersucht wird, daher wollte ich bei meiner Doktorarbeit die sozialen und politischen Prozess dahinter beleuchten und geflüchteten Frauen eine Definitionsmacht geben.

Sabine Tiefenthaler

Bild: Sabine Tiefenthaler
Was meinen Sie mit Definitionsmacht?
Beim medialen Diskurs um Fluchterfahrungen werden Frauen häufig als „arm“ und in einer Defizitperspektive dargestellt: als Frauen, die im Opferstatus verharren und daher von der Gesellschaft sehr passiv wahrgenommen werden. Durch die Untersuchung von Resilienz der Frauen, werden ihre Stärken und Widerstandskräfte aus ihrer eigenen Sicht aufgezeigt.

Gab es Schwierigkeiten beim Arbeitsprozess?
Ja, sehr viele (lacht). Eigentlich hätte ich eine Arbeit über die Schwierigkeiten der Untersuchung schreiben können. Am schwierigsten war der Zugang zum Forschungsfeld, weil die meisten Notaufnahmezentren sich geweigert haben, mit mir zu reden.

Warum?
Zum einen haben viele Zentren Angst, dass etwas rauskommt oder schlechte Bedingungen enthüllt werden. Zum anderen haben solche Zentren eine Schutzfunktion gegenüber den Frauen und ihren Daten. Viele hatten Angst, dass die Arbeit vielleicht negativen Einfluss auf die Asylbewerberinnen haben könnte. Erst in Sardinien konnte ich meine Arbeit in einem Notaufnahmezentrum beginnen.

Was war dort anders?
Ich hatte das Glück, dass ein Bekannter einen Kontakt herstellen konnte. Die Menschen dort waren meiner Arbeit gegenüber sehr positiv eingestellt und haben mich daher super aufgenommen. Sie waren froh darüber, dass jemand über die geschlechterbezogenen Missstände schreiben wird.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Meine Arbeit ist eine ethnographisch-partizipative Studie. Ich habe mit den teilnehmenden Beobachtungen begonnen. So war ich mehrmals die Woche im Notaufnahmezentrum und habe Frauen  begleitet, um mit ihnen eine Beziehung aufzubauen. Aus dem partizipativen Teil ist ein Fotoprojekt entstanden, wo der Alltag der nigerianischen Frauen in Sardinien gezeigt wird. Dabei erzählen Fotos Geschichten, die zur Diskussion anregen sollen und die Stärken einer Community aus schwarzen geflüchteten Frauen aufzeigen.

Und was ist rausgekommen?
Im beobachtenden Teil habe ich schnell festgestellt, dass die Frauen besonders geschlechterspezifische Diskriminierung erfahren, was die Frauen im Fotoprojekt bestätigten. Bei den Fotos, die die Frauen für die Ausstellung ausgesucht haben, wird ihre Message deutlich: Wir sind mehr als nur schwarze Frauen und Ware. Daher trägt das Projekt auch den von den geflüchteten Frauen gewählten Namen Immigrant Sisterhood.

Wir sind mehr als nur schwarze Frauen: Parallel zum Forschungsprojekt erarbeitete Sabine Tiefenthaler mit der Fotografin Gemma Lynch die Fotoausstellung Immigrant Sisterhood.

Bild: Gemma Lynch

Welche Diskriminierungserfahrungen haben die Frauen erlebt?
Sexuelle. Ich war mit ihnen auf der Straße und habe sie gebeten, mir Orte zu zeigen, wo sie sich wohl und sicher fühlen und solche, wo das nicht der Fall ist. Der öffentliche Raum stellt für die Frauen eine besondere Bedrohung dar. Es dauerte meistens keine zwei Minuten, bis ein Auto neben uns stehen geblieben ist und ein Mann den Frauen Arbeitsangebote machte. Sie wurden fast immer als Prostituierte gesehen.

Gab es noch andere Diskriminierungsgeschichten, die nicht sexuell bedingt waren?
Ja, im Gesundheitssystem. Ich war bei vielen Untersuchungen der Frauen dabei. Ich kann mich an eine Geschichte besonders gut erinnern, als eine Frau, die auch Opfer sexuellen Missbrauchs war, untersucht werden sollte. Sie war Anfang 20 und wollte nicht gleich zur Frauenärztin reingehen, weil sie nicht über das Vorgehen der Untersuchung aufgeklärt wurde und Angst hatte. Die Reaktion der Ärztin war furchtbar. Diese meinte, sie solle sich nicht so anstellen und ihre Unterhose ausziehen, weil es ja nicht das erste Mal sein würde, dass sich jemand in ihrem Intimbereich zu schaffen mache. 

Vor allem wird sexueller Missbrauch extrem heruntergespielt. Das passiert, obwohl die Forschung weiß, wie schlimm es für Opfer sexueller Gewalt sein kann, wenn ihnen unterstellt wird, zu lügen. 

Wie war es in den Einrichtungen?
Dort passieren Diskriminierungen auf subtilerer Art und Weise. Bei Veranstaltungen wurden immer Jungs als Vorzeigemodell hergenommen, die ihre gute Geschichte präsentiert haben, während den Geschichten der Frauen kaum Raum gegeben wurde. Es gibt auch Mitarbeiter, die nur Männer zu den Ausflügen mit in die Stadt nehmen. Vermutlich auch aus Gründen des Schutzes, weil sie wissen, wie diskriminierend mit Frauen auf der Straße umgegangen werden kann. Trotzdem hat das die Konsequenz, dass  Frauen strukturell ausgeschlossen werden.  

Inwiefern diskriminiert die Politik?
Besonders in den sogenannten „Interviews“, also den Befragungen zur eigenen Geschichte im Asylverfahren, kommt es zu Diskriminierung. Hier wird der Frau überdurchschnittlich wenig geglaubt. Vor allem wird sexueller Missbrauch extrem heruntergespielt. Das passiert, obwohl die Forschung weiß, wie schlimm es für Opfer sexueller Gewalt sein kann, wenn ihnen unterstellt wird, zu lügen. Die Frauen haben mittlerweile Angst vor diesen Terminen. Das System diskriminiert.

Wie sieht der Resilienz-Prozess bei diesen Frauen aus?
Die Frauen haben sich aufgrund der fehlenden Unterstützung von außen eigene Schutzmechanismen zur Stabilisierung und „Heilung“ angeeignet. Dazu zählt auch das Schweigen. So wird über viele Erfahrungen nicht mehr gesprochen, weil Frauen wenig Glauben geschenkt wird. Das Schweigen dient somit dem eigenen Schutz.

Die Frauen haben sich untereinander vernetzt, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Bild: Gemma Lynch

Was sind weitere Strategien?
Das Nicht-Handeln, also zum Beispiel in der Wohnung bleiben. Eine weitere Strategie ist das Rausgehen mit einem Kleinkind. So haben sich viele Frauen die Kinder anderer Frauen zum Rausgehen „geliehen“, weil eine Frau mit Kind viel weniger an der Straße angesprochen wird. Zusätzlich haben sich die Frauen über Social Media untereinander vernetzt, um sich gegenseitig zu schützen, Jobs zu vermitteln, Freundschaften zu knüpfen und Wohnungen zu suchen. Das was der Staat zur Verfügung stellt ist nicht ausreichend, weshalb sie sich selbst organisieren mussten.

Was müsste der Staat tun?
Die Rahmenbedingungen des Staates, der Unterkünfte und der Organisationen wirken nicht Resilienz unterstützend und es gibt viel Aufholbedarf. Aktuell fördern die Systeme Vulnerabilität, was den Frauen schadet, anstatt ihnen zu helfen. Laut Trauma-Theorien müsste ein sicherer Raum geschaffen werden. Aktuell wirkt es fast wie eine Strategie, wo kein Platz gegeben wird, um über Erfahrungen zu sprechen. Es wurde ein politisch unsicherer Raum geschaffen.

Gibt es etwas, das Sie von Ihrer Arbeit mitnehmen können?
Dankbarkeit. Ich möchte mich bei den geflüchteten Frauen bedanken, die mir trotz der schwierigen Umstände Vertrauen entgegengebracht haben und ihre Geschichte und Erfahrungen mit mir geteilt haben. Mit der Fotoausstellung, die bereits an mehreren Orten ausgestellt wurde und jedem Interview, das ich über meine Arbeit und das Thema führen kann, erhoffe ich mir mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema. Je mehr Menschen Bescheid wissen, umso eher wird es Initiativen auf unterschiedlichen Ebenen geben, die die Situation für geflüchtete Frauen verbessern können

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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