Kommentar zur WM

Fußball auf Südtirolerisch

Die Schützen irren sich. Nicht jeder Südtiroler Fußballfan mit einer Trikolore ist ein Nationalist oder Vaterlandsverräter.

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Bild: flickr:LordKhan

Es ist faszinierend, wie sich Südtirol bei jeder Fußballweltmeisterschaft in zwei große Lager spaltet. Städte, Dörfer, ja ganze Familien werden in Deutschland- und Italien-Anhänger entzweit. Die Heerscharen von Bayern-Fans im Land favorisieren die deutsche Mannschaft, während Juve-, Milan-, und Inter-Anhänger überwiegend die Azzurri anfeuern. Wieder andere Südtiroler mögen einfach keine Nutella-Jungs und halten deshalb zu Italien. Für stramme Patrioten ist solch ein Verhalten Vaterlandsverrat. Österreich kann sich für große Turniere oft nicht qualifizieren, deshalb unterstützen sie das deutsche Team. Das wiederum stößt bei den Österreichern auf Unverständnis. Unsere Nachbarn nördlich des Brenners sind immer noch stolz auf das Wunder von Cordoba und grenzen sich gerne von den Deutschen ab. Der österreichische Sportminister Gerald Klug outete sich aufgrund seiner Südtiroler Wurzeln sogar als Italien-Fan – eine mittlere Katastophe für die Süd-Tiroler Freiheit, die den Minister für seine „historische Ignoranz” rüffelte.

Als neutraler Beobachter könnte man auch sagen: Hört auf, euch wie kleine Kinder zu benehmen, es ist nur ein Spiel. Soll doch jeder halten, zu wem er will. Aber so einfach ist es nicht. Als Fußballfan entscheidet sich irgendwann, für welche Mannschaft man ist, und mit der fiebert man konsequenterweise ein Leben lang mit. Manche Südtiroler glauben einen eleganten Ausweg aus dieser Misere gefunden zu haben, indem sie Holland oder Brasilien die Daumen drücken. Angeblich, „weil die den tollsten Fußball spielen“ oder „die schönsten Trikots haben.“ 

Fußball und Südtirol – ein schwieriges Kapitel. Und es wird noch verzwickter. Die Schützen wollen den Italien-Fans nach den WM-Spielen das Feiern auf dem Gerichts- und Siegesplatz verbieten. Laut den Schützen nutzten die Italiener die vergangenen Turniere für faschistische Krawalle und als „protzige Demonstration italienischer Überlegenheit.“ Ja, es stimmt, die Existenz von faschistischen Gruppen wie CasaPound ist eine traurige Realität in Bozen. Trotzdem ist die Forderung der Schützen überzogen. Nicht jede Feier der Tifosi ist ein Angriff auf das Tirolertum, nicht jeder italienische Jubelschrei ist gleich eine Provokation und nicht jedes Fahnenschwenken stellt eine Beleidigung dar. Der Vorschlag jegliche Zusammenkunft in Bozen zu unterbinden, verstößt gegen das Prinzip der Versammlungsfreiheit. Darüber hinaus ist es schlicht unsinnig, Fußballfans von öffentlichen Plätzen auszuschließen. 

Der Bozner Bürgermeister Luigi Spagnolli reagierte etwas ungeschickt auf die Polemik. Sinngemäß sagte er, die Schützen sollen sich nicht so anstellen. Wenigstens seien in Südtirol nach den Spielen keine Autos umgeworfen worden, so wie das nach italienischen Meisterschaftsspielen manchmal passiert. Das erzürnte die Schützen noch mehr und die Diskussion entwickelte sich so wie immer, wenn es um das Zusammenleben der Sprachgruppen geht: Den einen wird vorgeworfen, sie würden zündeln, den anderen wird vorgehalten, sie würden Dinge verharmlosen.  

Die Schützen-Rhetorik, dieses Ihr-gegen-uns, Wir-gegen-euch, Deutsche-gegen-„Walsche“ sorgt automatisch für einen giftigen Unterton in der Diskussion. Es wäre hilfreich für das politische Klima, wenn die Schützen nicht jeden Südtiroler im blauen Trikot und einer Trikolore in der Hand unter Generalverdacht stellen würden. Gleichzeitig sollten Polizei und Carabinieri nach den Spielen die Provokateure mit Mussolini-Fahnen und Duce-Gruß konsequent in die Schranken weisen. Der Faschismus ist ein widerliches Verbrechen. Seine Ideologie gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.  

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.

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Desholb hilf i gonz ehrlich zu Hollond seit Johre schu ;)
Mir hom se a schu afs Auto gspuckt, lei weil i zuafällig in an Autocorso glondet bin afn Weg huam und di sem ba a Bar wo Schützn Fuasboll schaug hom fir sein.

"Panem et circenses"

Brot und Spiele, ein bewährtes Prinzip zur Festigung der Herrschaft. Es grenzt schon an gelebter Schizophrenie, dass man während eines breiten, durch Massenmedien aufgebauschten sportlichen....ich meine natürlich kapitalistischen Ereignisses Missstände der Vergangenheit angehören. Es gab keinen Rentenskandal. Es gab keine Steuererhöhungen. Es gab in Südtirol keine Gewalttaten durch Ausländer. Sogar Moralapostel, die sonst für das Zusammenleben sind und Menschenrechte anpreisen, den Menschen in die totale Abstraktion heben - sprich: in die Transzendenz, überhören spielerisch leicht das Jammern derjeniger, die für das Vergnügen/Vergessen der feierwütigen Massen weltweit ihr Heim aufgeben mussten. Aber lasst euch in eurem Jubel nicht unterbrechen, bei der nächsten Werbepause kommt sicher die Schrift "no racism". Dann ist man doch ein guter "Mensch".

Ich wünsche frohe Hungerspiele!

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich das Lesen des Artikels verärgert hat, da die Schützen oder generell Menschen die ihrer Muttersprache treu sind und sie verteidigen ausreichend in schlechtem Licht dargestellt werden. Auch, wenn es nicht direkt angesprochen wird so kann man dies trotzdem zwischen den Zeilen Lesen. Die Forderung der Schützen sei überzogen.... alles sei übertrieben und doch nicht so schlimm.... das versucht man so darzustellen damit die Situation als nicht so schimm wahrgenommen wird, dabei geht es langsam abwärts.. In Geschäften und Institutionen kann man sich als deutschprachiger Südtiroler schon als GLÜCKLICH SCHÄTZEN wenn die gegenüberstehende Person die Umgangsprache versteht, was ja leider fast NIE der Fall zu sein scheint, manchmal wird man auch einfach ignoriert, wenn man auf deutsch spricht.... Ich finde es traurig, dass solche Menschen Arbeit bekommen, während ander die Italienisch und Deutsch beherrschen auf Arbeitssuche sind...
Wir leben in Südtirol in dem es drei offizielle Sprachen gibt und für mich ist es einfach eine Sache von RESPEKT die Sprachen zu kennen, zu sprechen und mit den Menschen auf der Sprache zu sprechen mit der sie mich ansprechen..... Leider scheint dies vor allem bei deutschsprachigen Südtirolern der Fall zu sein, da italienischsprachige einfach weitersprechen, zwar mit Händen und Füßen um sich zu verständigen, aber ganz sicher nicht auf deutsch.... Mir wurde bereits auch gesagt, dass ich do gefälligst auf italienisch oder englisch zu sprechen habe, da man deutsch eh nicht braucht und sie das eh nicht sprechen könnte....
Dass die Forderung, nicht auf dem "Siegesdenkmal" zu feiern überzogen sei, lass ich mal dahingestellt, mich würde interessieren wie dies italienischsprachige Personen sehen, wenn es ein Denkmal gäbe auf dem die deutschsprachigen ihren Sieg über die italiener feiern würden.... bin mir sicher das wäre anders.
Das Letze was ich noch sagen möchte: Der Schein trügt manchmal, aber dass wissen wir ja alle! Eine Person die in der Politik ist, verfügt über eine gewählte Sprache, weiß wie sie sich ausdrückt somit finde ich die Aussage: Der Bozner Bürgermeister reagierte etwas UNGESCHICKT als lächerlich. Politiker sind sehr wohl im Stande ihre wirkliche Meinung hinter schönen Worten zu verdecken, damit sie nicht gleich erkannt werden. Wenn diese oben erwähnte Aussage ungeschickt war, dann bin ich der Meinung, dass dies einfach nur das ware Gesicht oder die wahre Meinung der Person zeigt... und nicht ungeschickt.....
Jeder ist frei zu denken was er will, aber es gibt nicht immer nur eine Seite und im Artikel werden wir deutschsprachigen Südtiroler als "übertrieben"...... dargestellt, was nicht der Fall ist!!!

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