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Fasching Week

In Tramin hat die Maschggrazeit begonnen. In Berlin auch – hier ist Modewoche.

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Bild: Flickr, Eva Rinaldi Celebrity and Live Music Photographer

In meinem Heimatdorf Tramin hat die Maschggrazeit begonnen, wie der Fasching, Karneval, wie auch immer, in Tramin genannt wird. Ich bemerke das, weil die meisten meiner Freunde aus Tramin bei Facebook jetzt ein Maschggrabild hochgeladen haben. Da bekomme ich natürlich sofort total Heimweh. Bis zum Unsinnigen Donnerstag und zum Rosenmontag ist es noch etwas hin, aber samstags geht man bereits verkleidet ins Dorf, von Bar zu Bar, von Keller zu Keller. Das ist eigentlich das Schönste am Traminer Maschggragehen, dass es dafür gar keinen Anlass braucht. Der berühmte, alle zwei Jahre stattfindende Egetmannumzug ist nur das Highlight, das Finale furioso vor Publikum ganz am Schluss. 

In Berlin, wo ich seit Jahren lebe, hat dieser Tagen auch so eine Art Faschingszeit begonnen: die Berliner Fashion Week. Plötzlich verändert sich das Stadtbild. Die Berliner sind ja ansonsten eher nicht so modeverliebt. Der Berliner Chic hat sich jahrzehntelang im Schatten der grauen Mauer dadurch ausgezeichnet, dass man festes Schuhwerk trug, einen Trainingsanzug, eine Mütze und wenn es dann doch wieder so richtig kalt wurde, wie dieser Tage, noch einen dicken braunen Mantel drüber. In den Händen eine Kippe oder einen Joint – und eine Flasche Bier. Das war der Berliner Style – eine Mode für sich, wenn man so will. 

Seit den Nullerjahren gibt es ein paar neue Modeerscheinungen in Berlin. Den Mitte-Yuppie etwa, der natürlich nichts mit dem richtigen Yuppie zu tun hat, wie er in Bret Easton Ellis’ Buch „American Psycho“ beschrieben wird – oder wie er in der zum Finanzberater downgegradeten Form auch in Frankfurt am Main anzutreffen ist. Der Berliner Mitte-Yuppie trägt keinen Anzug. Anzüge sind sowieso schwer zu finden in Berlin. Letztens wollte ich bei Burberry am Kurfürstendamm (der Ku’damm ist die einzige Berliner Flaniermeile, die einzige Berliner Allee, auf der Berlin zumindest im Sommer für kurze Zeit etwas von Paris hat) einen Anzug kaufen, weil ich dieses Jahr auf so wahnsinnig vielen Hochzeiten eingeladen bin. Da hatten die keinen Anzug. Es tue ihr leid, sagte die Verkäuferin. Es werden so wenige Anzüge gekauft in Berlin, sagte sie. Sie könne aber gerne welche aus der Frankfurter Filiale anfordern. 

Nein. Berlin ist keine Anzugstadt. Und der Berliner Mitte-Yuppie kokst zwar wahrscheinlich genauso viel wie sein New Yorker Pendant, aber er trägt eher Stiefel, Chinos und ein weißes T-Shirt von Acne. Dazu Dreitagebart und gezupfte Augenbrauen. Dann gibt es zum Beispiel noch den Neukölln-Hipster. Der Neukölln-Hipster trägt einen grünen Parka, irgendein Buch vom Flohmarkt unterm Arm, ein Skateboard unterm anderen Arm, schmutzigweiße Chucks und eine hautenge, schwarzausgewaschene Jeans. Dazu eine Jutetasche und ein T-Shirt mit einem Spruch drauf wie: „Das Leben ist kein Ponyhof“ oder „Ich lass das jetzt einfach so“ oder einfach mit dem Gesicht von David Bowie drauf.

Jetzt, in den Tagen der Fashion Week, laufen plötzlich andere Menschen durch die Stadt. Großgewachsene Models in sehr hohen Absätzen, die Stadt ist voll davon. Sie laufen von einem Casting zum anderen. Sie wollen gebucht werden für die Catwalks. Und die Berliner Kellnerinnen, die ja immerzu gerne betonen, dass sie ja eigentlich nicht Kellnerinnen seien, sondern Models oder Schauspielerinnen, und schon mal da mitgespielt haben oder schon mal für den gelaufen seien und dass sie ja nur kellern würden, weil sie ein bisschen Geld bräuchten, um sich das Kunstgeschichtsstudium zu finanzieren, die Berliner Kellnerinnen hoffen dieser Tage von einem Label entdeckt zu werden. Berlin ist schon sehr eine „Eigentlich bin ich ja ...“-Stadt. 

Überall Fashion-Week-Partys. Jeden Abend. Man hat ein total schlechtes Gewissen, wenn man mal einen Abend zu Hause bleibt, am nächsten Tag reden alle von den Partys, auf denen man dann nicht war, welche Leute man dann nicht getroffen hat. Es ist wie damals, als Jugendlicher, als es auch nicht auszudenken war, mal einen Abend zu sagen: Hey, heute bleibe ich einfach mal zu Hause und schaue „Wetten, dass..?“ oder „Das Traumschiff“ oder irgendwas, weil man dann vielleicht den allergeilsten Abend überhaupt verpassen könnte. Aber man verpasst ja doch nichts. 

Die Berliner Fashion Week hat natürlich ein bisschen einen Minderwertigkeitskomplex, so wie Berlin überhaupt ein bisschen einen Minderwertigkeitskomplex hat, weil Berlin halt doch nicht New York ist und schon gar nicht Paris. Dabei muss Berlin das ja gar nicht alles sein. Und dann plötzlich ist dieser Fashion-Week-Wahnsinn, der ja schon auch aufregend ist irgendwie, wieder vorbei. Und dann steigt man in einen Bus, und die schönen Models sind plötzlich weg, und da sitzt einer im Trainingsanzug, Bierflasche in der Hand. Und er pöbelt einen von der Seite an. Und man denkt sich: So, jetzt ist Berlin wieder Berlin. Bis zur nächsten Faschingswoche im Sommer.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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