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Kommentar zum Ukraine-Konflikt

Der Traum ist geplatzt

Solidarität mit der Ukraine ist jetzt wichtig. Aber in Wirklichkeit bezieht sie sich vor allem auf uns selbst.

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Krieg ist immer schlimm, passte aber noch ins Weltbild, solange er ein bisschen weiter weg stattfand.

Bild: pixabay/Dariusz Sankowski

Als erstes: Volle Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Nicht nur in Worten, sondern auch in konkreten Nachfragen bei unseren ukrainischen Bekannten und Freunden, falls wir welche haben: Braucht jemand eine Schlafcouch? Gibt es eine vertrauenswürdige Organisation vor Ort, an die man spenden kann? Volle Solidarität, nicht nur jetzt, nicht nur in Worten und Profilbildfähnchen, sondern auch, wenn die ersten Flüchtlinge anklopfen.

Aber geht es hier wirklich um die Menschen in der Ukraine? Die sozialen Medien laufen nur so über von merkwürdigen Distanzvergleichen: Ukraine näher an Wien als Ischgl. Ukraine fast so nahe an Passau, wie Flensburg bei München. Was soll das bedeuten? Dass die Ukrainer auch Menschen sind, weil sie immerhin in Europa leben? Dass dieser Krieg auch uns angeht, weil er nicht mindestens fünf Ländergrenzen von uns entfernt ist? Satirebeiträge werden plötzlich mit empörten Kommentaren geflutet. Wie deplatziert und pietätlos ausgerechnet jetzt jeder Anflug von Witzigkeit sei: "Moral, Anstand und Mitgefühl wären jetzt angebracht und nichts anderes!" Woher diese Gereiztheit? Warum nicht auch schon bei anderen Kriegen? Eine ernüchternde Antwort könnte sein: Angst duldet keinen Humor.

Die Analysten haben wohl recht, wenn sie feststellen: Putins Angriff auf die Ukraine ist auch ein Angriff auf Europa. Ein Angriff auf die Gesellschaftsordnung, wie wir sie seit 77 Jahren kennen.

Diese Ordnung sieht weiterhin blutige Bürgerkriege vor, auch auf europäischem Boden, aber nur, wenn sie weit genug im Osten stattfinden, jedenfalls dort, wo man ohnehin nie seinen Urlaub verbringen würde. Und irgendwie sind die ja auch selber Schuld, solange sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen – sind eben “unzivilisierter”, “gewaltbereiter”, “rückständiger” als wir. Aber eine regelrechte Invasion? Von einem Aggressor, der auch Westeuropa in Staub und Asche zerbomben könnte, wenn er es wollte? Nein, das nicht, das ist nicht das Europa, auf dem wir nachts unseren ruhigen Schlaf begründen können.

Krieg ist immer schlimm, passte aber noch irgendwie ins Weltbild, wenn er ein bisschen weiter weg stattfand.

Putins Einmarsch in die Ukraine hat Westeuropäer wie mich aus einem süßen Traum gerissen: dass Krieg, richtiger Invasionskrieg, nicht mehr zu Europa gehört. Wir lebten in der Überzeugung, dass diese letzten 77 Jahre, ungeachtet ihrer absoluten Ausnahmestellung in der europäischen Geschichte, nur der Auftakt zu einem selbstverständlich 1000-jährigen Frieden sein würden.

Krieg, richtiger Invasionskrieg, ist immer schlimm, passte aber noch irgendwie ins Weltbild, wenn er ein bisschen weiter weg stattfand, irgendwo, wo ein bisschen mehr Diktatur und weniger Fortschritt herrscht. Und selbst dann, wenn unsere eigenen, demokratisch gewählten Regierungen solche Invasionskriege vom Zaun brachen, waren wir nicht so schockiert und fassungslos wie jetzt.

Als Bushs Bomben im Irak niedergingen und desorientierte, traumatisierte Zivilisten in die Fänge des IS trieben, gingen wir noch weiterhin ins Stadion oder in den Schönheitssalon, kauten unbekümmert auf Hamburgern herum, allenfalls lasen wir kopfschüttelnd die Zeitung. Als europäische Kampfjets in Libyen den Diktator stürzten, klatschten manche von uns Applaus und wissen heute kaum, wer im seitdem wütenden Bürgerkrieg die Konfliktparteien sind. Als unsere Soldaten in Afghanistan einfielen, um eine korrupte Regierung aus ehemaligen Warlords und Kleptokraten zu installieren, die gegen die Taliban keine Sekunde standhielt, bewahrten wir uns tapfer den Humor, rissen weiterhin Witze über islamistische Barbaren und wiegten uns in moralischer Überlegenheit.

Putins Angriff macht uns schlagartig bewusst, dass der europäische Frieden eine Seifenblase war.

Natürlich tat es uns Leid für die Menschen da drüben, ganz aufrichtig Leid sogar, aber eben so, wie einem auch die Lebewesen leidtun, die abends bei "Universum" vom Raubtier zerfleischt werden. Krieg, ja, ist immer schlimm und verwerflich, aber gehört er nicht zur Natur gewisser Länder einfach dazu? Man kennt es gar nicht anders. Naher Osten = Krieg. Afghanistan = Krieg. Yemen = Krieg. Afrika = Krieg und Elend.

Und plötzlich sind wir dran. Putins Angriff macht uns schlagartig bewusst, dass der europäische Frieden, der damit einhergehende Wohlstand, eine Seifenblase war. Sie ist geplatzt. Mit jedem Artillerieeinschlag in Kiew, Charkiv und Odessa hallt das Platzen nach. Und wir bekommen es mit der Angst zu tun. Können es noch gar nicht richtig fassen, rufen lautstark auf Demos: Das darf nicht sein! Nicht hier zumindest, nicht so nahe an meiner eigenen Unversehrtheit. 

Solidarität mit der Ukraine ist wichtig, zeugt davon, dass die Idee Europa noch lebendig ist. Aber achten wir darauf, dass sie authentisch bleibt, sich mit jenen verbindet, die sie jetzt dringend nötig haben. Eine heuchlerische, selbstbezogene Solidarität ist keine.
 

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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